
Am Morgen des 25. Mai verstarb Raul Castro Rios in Lima. Die Nachricht erreichte uns über Pfr. Heinrich-Maria Burkard, der Kontakt zur Familie Castro hat.
Mit dem Haus Lebensquell ist untrennbar der Name Raul Castro verbunden. In einer ständigen Ausstellung birgt Haus Lebensquell“ einen Tonzyklus zum „Leben Jesu“ mit über 260 Figuren dies peruanischen Künstlers.
Raul Castro stammt aus Cusco im Hochland Perus und ist dort im Jahre 1937 geboren. Später lebte er mit seiner Familie in Lima.
Raul Castro wird in Peru von Pfr. Josef Neuenhofer entdeckt, der ihn im Jahre 1985 nach Dunningen bringt. Dort fertigt er für die Kirchengemeinde Dunningen eine Krippe. Im Kloster Heiligenbronn wird man in der Zeit auf ihn aufmerksam und so fertigt er anschließend einen Kreuzweg für das Kloster. Die inhaltlichen Vorgaben kommen vom damaligen Superior Peter Schmid. Er erklärt per Dolmetscher, per Skizze oder mit „Hand und Fuß“ dem Künstler die einzelnen Szenen des Weges Jesu, welche Personen vorkommen und wie sie zueinander stehen.
Nachdem dieses Werk abgeschlossen ist und offensichtlich wird, dass Menschen von den Szenen angesprochen, ins Gebet kommen, bekommt er den Auftrag, die „Kindheit Jesu“ und das „Öffentliche Wirken Jesu“ zu fertigen. Anhand der Erklärungen von Peter Schmid tont Raul Castro die einzelnen Szenen. Da er für jede Figur damals ca. drei Tage braucht, zieht sich dieses gewaltige Werk über mehrere Jahre hin. Zwischendurch fliegt Raul Castro – der meist von seiner Frau und seinem Sohn Fidel begleitet wird – nach Peru zurück. So entstehen diese drei Zyklen in den Jahren 1986-1994.
Raul Castro erzählt, wie er bei jeder Figur Kopf, Arme, Hände, Rumpf, Beine, Füße einzeln fertigt und aushöhlt (damit sie gebrannt werden können und nicht zerreißen) und danach zusammensetzt, Die Kleidung kommt ganz am Ende dazu.
Raul Castro ist verheiratet und hat zwei Kinder. Es war für ihn damals ein Riesenschritt, mit Pfr. Neuenhofer nach Deutschland zu kommen. Aber, wie er sagt, hat seine Neugierde den Ausschlag gegeben nach Deutschland zu fliegen. Da er kein Deutsch sprach und die Schwestern kein Spanisch, geschah die Verständigung auf anderen Wegen, über Gebärden und Gesten, über kleine Aufmerksamkeiten, auch über das Essen. Die Suppe, wie sie die damalige Küchenschwester Sr. M. Wendelina gekocht hat, schmeckte genauso wie zuhause in Peru. Die Schwestern erlebten ihn in den ganzen Jahren als einen freundlichen, bescheidenen Menschen, der offen und dankbar war für alle Begegnung und alles Miteinander. Lange Zeit lag seine Werkstatt neben der Schneiderwerkstatt von Sr. M. Sabina Hauser. Diese besuchte ihn oft nebenan, um zu zuschauen, wie die einzelnen Figuren entstehen. Sie erzählte, dass er die Gesichter der Figuren nur machte, wenn er alleine war und dass er manchmal abends noch in die Werkstatt ging, wenn es ihn drängte, neue Ideen umzusetzen.
Eine weitere Bezugsperson neben Peter Schmid war die damalige Generaloberin Sr. M. Bonaventura Hauser (+ 1992), die in ihrer Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, sich um die vielen Kleinigkeiten kümmerte und versuchte, der Familie Castro ein optimales Umfeld zu schaffen. So war es auch ein besondere Freude für den Künstler, an der Segnung der „Bonaventura-Hauser-Straße“ im Mai 2006 teilnehmen zu können.
Anfangs kommt ihm die Aufgabe des Kreuzweges gewaltig vor, aber nachdem die „Fußwaschung“ und das „Abendmahl“ fertig gestellt sind, bekommt er den nötigen Mut, weiter zu machen – und auch da ist die Neugierde, was daraus wird, für ihn eine weitere Motivation.
Beim ersten Besuch der Gesamtausstellung seines Werkes im Mai 2005 im Haus Lebensquell war der Künstler selbst überwältigt von der Weise der Ausstellung mit dem dunklen Raum und der indirekten Beleuchtung. Zwar betete er – wie er sagte – während der Arbeit, dass Gott seine Hand führt, aber dass Menschen so berührt werden beim Betrachten und manche Wunden heil werden, dass Begegnung mit dem lebendigen Gott immer wieder geschieht und ins Herz des Betrachters Frieden und Heil einzieht – das konnte er nicht ahnen und nicht machen. So sind diese Figuren, dieser Tonzyklus zum Leben Jesu für ihn und für uns Geschenk und Gabe – ein Angebot mit Gott, mit Jesus Christus ins Gespräch zu kommen und daraus gestärkt den Weg im Alltag zu gehen.
Raul Castro selbst hat seine Gabe zur Verfügung gestellt, er hat dieses Handwerk nie gelernt, sondern schon als Kind begonnen mit dem Lehm der Straße zu spielen und Gegenstände zu formen.
Wir danken für das Leben und Wirken von Raul Castro. Möge seine Sehnsucht, seine Hoffnungen, seine Wunden und sein Leiden in der Krankheit der letzten Jahre vollendet und aufgehoben sein in der Fülle des Lebens bei Gott.