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Maria von Magdalas Osterbrief 2013

Franz von Assisi schreibt nach Rom zur Papstwahl

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Aus der Quelle schöpfen - Impuls zur Urlaubszeit 2012

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Weihnachten 2011 - ER ist der Messias, der Herr

November 2011 Allerheiligen

Himmelsbrief zum Fest des hl. Augustinus am 28. August

Juli 2011: Fest der heiligen Anna und Joachim am 26. Juli

Ostern 2011: Die Lebensmacht des Auferstandenen behütet uns.....

Fastenzeit 2011 - Umkehrdienst

Februar-März 2011: Masken

Juli-August 2010: Alles beginnt mit der Sehnsucht

April-Mai: Ostern – Aufstand gegen den Tod

Durch das Dunkel hindurch...

Januar-März 2010: Moderne Seligpreisungen

Dezember-Januar 2010: Auf dem Weg...

November-Dezember 2009: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark"

Oktober-November 2009: Wachstumsphasen

September-Oktober 2009: Gedanken zum Geburtstag

August-September 2009: Kräuterweihe am 15. August

Juni - August 2009: "Herr, sei gelobt..."

Mai - Juni 2009: "Herr, Du hast Worte des ewigen Lebens"

April - Mai 2009: "Beim Namen gerufen … "

Impuls März-April: "Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft... "

Januar - März 2009: "Wie Simeon und Hanna der Verheißung trauen"

Dezember 2008 - Januar 2009:"Ein Stern lauscht einem Licht"

November-Dezember 2008: "Erwartet den Herrn"

Impuls Oktober-November 2008: "Worauf es ankommt!"

Impuls September-Oktober: "Im Buch des Kreuzes lesen"

Impuls August - September: "Mit Vertrauen müssig sein"

Impuls Juni - August: "Das Evangelium leben..."

Impuls Mai-Juni 2008: Weg-Wahrheit-Leben

Impuls: April-Mai 2008: Gedanken zum „Guten Hirten“

Impuls März-April 2008: Geistlicher Impuls

Impuls Februar - März 2008: Gott hat keine anderen Hände als die deinen....

Impuls Januar-Februar 2008: Weg des erlösten Menschen

November-Dezember 2007: "Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte..."

Manchmal find ich einen Lebensquell

September - Oktober 2007: "Transitus" am 03.Oktober

Juni - Juli 2007: Ordensleben heute in Heiligenbronn

Mai - Juni 2007 Wir im Blick von Christi Liebe

April - Mai 2007: David Fuchs - ein Mann mit "unverschämtem Gottvertrauen"

März - April 2007: Kreuzikone - Tod und Auferstehung

Februar - März 2007 Im Gespräch mit dem Gekreuzigten

Januar-Februar 2007 Grußwort zum Jubiläumsjahr


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Archiv: Alte Berichte Ι Impulse

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Unter "Aktuelles" finden Sie regelmäßig Impulse zur Lebensordnung oder Gedanken zu speziellen Anlässen. Damit diese Ihnen auch zum späteren Nachlesen erhalten bleiben, sammeln wir die Texte auf dieser Seite:





Maria von Magdalas Osterbrief 2013


Warum weinst du? 
Schwester, es ist Ostern.
Gerade weil Ostern ist, weinst du?
Dabei waren deine Tränen längst vertrocknet. Sagtest du. Und alle waren beruhigt.
Du hattest es am Ende selbst geglaubt, Schwester.  

Warum weinst du?
Sag jetzt nichts.
Leere, immer diese grausame Leere auf dem Friedhof?
Sag jetzt nichts.  

Ich will dir von mir erzählen. Du kennst meinen Namen und denkst sofort: oh, die Sünderin, oh, die tränenreiche, salbungsvolle Sünderin.
Magdalena, Maria Magdalena, Maria aus Magdala, daheim Mirjam gerufen.
Das bin ich.  

Eine Namenlose gibt es auch, mir ungleich im Weinen, aber staunenswert: Jene Frau, von der sich Jesus salben ließ.

Beim alten Schweizer Dichterpfarrer, Kurt Marti, kannst du von ihr lesen:  
Er, der Christus, der Gesalbte -
wer aber hat Ihn gesalbt?
Kein Priester, kein König, kein Jünger.
Eine Frau hat's getan,
ohne Regel und Ritus, intuitiv.
Eine Frau ohne Namen
(vom Patriarchat um ihren Namen gebracht):
»Und wahrlich, ich sage euch:
Wo immer auf der ganzen Welt
das Evangelium verkündet wird,
da wird zu ihrem Gedächtnis erzählt werden,
was sie getan hat." 
(Markusevangelium 14, 9)
  

Was heißt da Sünderin. Sind wir doch alle.  
Ich bin die, die morgens, als es noch dunkel war - dunkel draußen, dunkler innen drinnen - ans Grab ging.

Johannes - wir hätten uns beinahe am Grab getroffen - erzählt später so:  
Es stand Maria Magdalena am Grabe: 
Sie war in Tränen - doch wie sie noch weinte,  schaute sie heimlich in die Höhle hinein.  Und da, auf einmal: zwei Engel!  Beide in leuchtenden Kleidern,  der eine zu Häupten,  der andere zu Füßen des Grabes,  in das sie den Leichnam gelegt hatten, Joseph und Nikodemus. "Warum weinst du, Frau?"
"Sie haben meinen Herrn fortgetragen,  und ich weiß nicht, wo er ist."
Als sie das sagte, wandte sie sich um  und sah, wie zwischen Licht und Finsternis  ein Mann vor ihr stand: Jesus,  aber sie erkannte ihn nicht.
(Joh 20, 11-14)
Das war aus der Übertragung von Walter Jens.
Sie ist so beziehungsreich, so poetisch, so schön.  

Ich bin Mirjam vom Ostermorgen. Und von mir wissen sie, was man auch von dir weiß: die Leidensgeschichte unserer sieben Krankheiten. Ich war eine der vielen Frauen im Gefolge Jesu.  

Davon erzählt Lukas (8,1-3):
Jesus wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn, außerdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen.  
Aber bei uns gab es nichts zu holen. Wer von sieben Ängsten geplagt war, hat nichts groß zu bieten, nicht Besitz, nicht Vermögen. Oder sagen wir es besser: Unser Besitz ist das Nichts, das Nichts-wert-sein. Unser Vermögen ist die Angst. Unser Vermögen sind die Tränen.  

Da: Tränen.  

Du weinst, Schwester, und ich frage dich: Warum? Warum an Ostern? Warum am leeren Grab?
Da: das leere Grab. Dein Schreck, deine elende Enttäuschung. Immer wieder diese Leere. 
Warum weinst du, Schwester? Warum lachst du nicht? Du wirst noch lachen und weinen zugleich. Tränen der Freude, Tränen der Dankbarkeit.  

Denn gerade das ist Ostern: das Grab ist leer. Auf dem Friedhof hast du nichts zu suchen. So viele Male pilgerst du schon ans Grab, stellst dein Lichtlein auf, setzt dein Blümelein, bringst dein Tränlein dar. Doch das Grab ist leer, und die wahrhaft Tote bist du. Erstarrt im Gestern und Vorgestern deiner Reliqiuen und deiner Trauer.   

Ich lege dir meine Hand auf die Schulter, Schwester.  Sachte streichelt dich meine Frage: Warum weinst du? Sie tut dir gut, die Frage, denn endlich wirst du berührt. Sie tut dir gut, denn endlich will wieder mal jemand wissen, warum du weinst. Endlich interessiert sich jemand für dein nimmer endenwollendes Leid. Oh, wie dir das gut tut.  

Doch nun hör zu, dreh dich um und hör gut zu. Noch einmal die Frage, aber mehr.   

"Warum weinst du? Wen suchst du?"    

Wer spricht da? Wir meinen, es sei der Friedhofsgärtner, und fangen schon wieder mit der alten Geschichte an. Wir suchen nicht Leben, sondern besuchen das Grab. Uns hält das trübe Wissen um die definitiv bestattete Leiche. Die Grabstatt: unser Haus. Also sagen wir zum Gärtner: Wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen...  

Aber da: "Mirjam, Mädchen!"  

DU?  

Jesus: Berühre mich nicht! Halte mich nicht fest! Ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu den anderen. Sag ihnen: Ostern!  

Da gehen wir. Da verlassen wir den Friedhof, verlassen die Nacht, gehen in den Tag. Es ist Ostern.  

Und es geht Maria von Magdala zu den Jüngern und verkündet: Ich habe den Herrn gesehen.   

Diese Drehung, Schwester, diese Wende wünsche ich dir. 

Sei umarmt von deiner himmlischen Brieffreundin, im Weinen, im Lachen:

Mirjam, Maria von Magdala





Franz von Assisi schreibt nach Rom zur Papstwahl



Franziskus (von Cimabue)

Buon giorno, Francisco!  

Gut, dass du da bist. Gut, dass du da bist, wo du nun bist, in Rom. Ach ja, Rom. Dort war ich auch mal. Das ist lange her. Ein schwieriges Pflaster. Viele schöne Kirchen. Aber ziemlich laut. Wir Himmlischen haben es ruhiger. Sagte das nicht dein Lieblingsdichter Hölderlin? So ähnlich. Doch wie ich dich so kenne, Francisco, ist dir Ruhe nicht gar so wichtig, und von Ruhestand wird nun erst recht keine Rede mehr sein. Man nennt dich einen stillen Mann, aber du wirst dir Gehör verschaffen, mitten im Lärm, mitten im Jubel.  

Die römische Lautstärke wirst du aus Buenos Aires kennen. Es heißt, Argentinier stellen sich die Milchstraße mindestens so belebt wie die Avenida Corrientes vor. Und nicht einmal im Himmel, erzählt man, herrsche völlige Ruhe, seit einige musizierende Engel mit Hingabe Piazzollas Milonga del Ángel spielen. Wenn du eines schönen Tages bei uns bist, wirst du viel Freude haben. Augen und Ohren wirst du machen. Sie spielen ungern Nationalhymnen, auch nicht Gounods Papsthymne. Aber auch nicht dauernd Choräle. Den Ohrwurm "Laudato si" - alle Jahre für mich als Geburtstagsständchen - musste ich ihnen ausreden. Doch hoffentlich darfst du noch einige gesunde Jahre auf Erden sein...  

Amado Francisco, geliebter Bruder, ich wusste es: eines Tages wird ein Papst meinen Namen tragen. Meinen Namen und mein Kreuz. Sie werden dir zujubeln, Francisco, aber nicht alle Tage. Und nicht alle werden jubeln. Du wirst von vielen geliebt werden, von manchen gefürchtet, von manchen belächelt, von manchen gehasst.
Ich schreibe dir meinen Glückwunsch und mein herzliches Beileid. Auf den ersten Bilder lächelst du. Du hast einen offenen, freundlichen Blick. Hoffentlich bleibt es dir erhalten, das offene Wesen, das freundliche Gesicht. Es wird nicht einfach sein, so weit oben im Amt.   

Wer dem Papst schreibt, Francisco, will was. Meistens ist es so unter den Kindern eurer Welt. Mancher erzählt von bedeutsamen Erlebnissen und Wehwehchen, tut groß mit kleinem Kummer. Wer aber einen Himmelsbrief schreibt, hat anderes im Sinn. Ich interessiere mich für dich. Du wirst reichlich Briefe und Mails bekommen, und da wird getwittert und gezwitschert, was das Zeug hält. Zwitschern wäre was für mich, den Vogelprediger. Aber was soll ich von mir erzählen. Für dich wüsste ich nichts Neues. Himmel ist Himmel. Und von deinem Vorbild kennst du alle Bilder und Legenden, Zitate und Texte, Überlieferungen und Anekdoten.   

O Francisco, da hast du am Mittwoch auf dem Petersplatz eine Lawine losgetreten, eine Gebetslawine. Wir kommen hier kaum nach.
Ich zitiere.  
"Du unser Gott, schenk unserem neuen Papst und uns Christinnen und Christen Kraft und Mut zur Erneuerung deiner Kirche!"  
"Heiliger Geist, Atem Gottes, du kennst meine Atemnot, meine Mühe beim Treppensteigen, das Asthma und die Angst, wenn's wieder pfeift. Behüte und beatme diesen neuen Mann im Vatikan, wo mal wieder tüchtig gelüftet werden muss..."  
"Wir Busfahrer sind stolz, so einen netten Fahrgast gehabt zu haben. Wäre toll, wenn er mal wieder mitfährt. Danke jedenfalls."  
"Dass Gottes Hand nicht persönlich im Stadion eingreift, ist uns klar. Aber wir vom blau-roten Fan-Club San Lorenzo freuen uns einfach, und das wollen wir unserem prominenten Vereinsmitglied gern sagen. Amen. Halleluja. Olé."  
"In uns vom Arbeitskreis Bewahrung der Schöpfung sind neue Hoffnungen erwacht. Bravo."  
"Hier im Haus wohnen zwei Homosexuelle, und sie sind leider aus der Kirche ausgetreten. Ich frage sie besser nicht, ob sie sich etwas vom neuen Papst erwarten. Aber ich bete für sie, dass sie Respekt und Liebe erfahren. Denn ob so oder so, lieber Gott: die beiden sind hilfsbereite, angenehme Mitbewohner. Und du hast sie so geschaffen, wie sie sind."  
"Ich habe auch bei meiner Mutter Kochen gelernt und kann es heute noch. Dass der neue Papst sich selber kocht, finde ich großartig. Bestimmt macht er einen guten Locro. Ich wünsche ihm einen gesegneten Appetit. Mein Gebet."  
"Donnerwetter, das war wirklich eine handfeste Überraschung. Ich auf meine alten Tage hätte das den Katholen gar nicht zugetraut. Heute werde ich beim ökumenischen Friedensgebet eine Fürbitte sprechen. Und dann lasse ich mich gern weiter überraschen."  
"Ich bin der Beda aus Mühlheim. Dass der bisherige Bischof aus Buenos Aires meinen Namenspatron im Wappen zitiert hat, habe ich erst jetzt mitbekommen. Mein Latein ist nicht toll. Miserando atque eligendo. Das musste ich mir übersetzen lassen. Niedrig und doch erwählt. Es bezieht sich auf das Evangelium, die Berufung des Matthäus. Nun weiß ich gar nicht, wie das mit dem Erwähltwerden funktioniert, lieber Gott. Eigentlich dachte ich immer, die sollten beim Papstwählen gründlich beten und dann das Los werfen. Aber vielleicht war es so ähnlich, und keiner darf es ausplaudern. Hauptsache: Gottvertrauen. Bedas Meinung."  
"Gott, du weißt, ich bin kein Kirchgänger, auch kein großer Beter. Die Geschäfte, der Regierungsapparat, die Termine. Du weißt schon. Und da sitze ich jetzt zwischen Treppenhaus, Aufzügen und Toiletten unter der Reichstagskuppel im Andachtsraum und denke an den neuen Mann im Vatikan. Er gilt als unbeschriebenes Blatt und hat keine Seilschaften. Vielversprechend. Hoffentlich lassen sie ihn sein, wie er ist. Man weiß ja nie. Aber du. Amen."  
"Jesus, segne um Himmels willen seine Schritte auf diesem heiklen Parkett. Deine Freundinnen vom Buenos Aires Tango Club."  
"Ich sitze oft im Beichtstuhl und hörte mit Rührung, was Vater Francisco uns Beichtvätern ans Herz gelegt hat: Die Seelen der Gläubigen brauchen eure Barmherzigkeit. Ja."  
"Himmelherrgott, ich gehöre zum Dreck und suche am Bahnhof aus den Papierkörben mein tägliches Brot. Auf der Fernsehwand kam was vom neuen Papst. Wenn er wirklich ein Bischof der Armen war, dann kennt er ja mein Leben. Vielleicht hilft es ihm, wenn ich ihm ein Vaterunser spendiere. Eine Currywurst wäre auch nicht schlecht. Prost."  

O Francisco, wie bei einer Konfettiparade regnen dir all diese Gebete unsortiert und ungewaschen aufs weiße Mützchen. Ich will dich jedenfalls begleiten. Du denkst an mich. Ich denke an dich. Und da ich dir nichts Neues weiß, schreibe ich dir wie einst dem Bruder Leo, einem meiner besten Freunde.  
Dein Bruder Franziskus wünscht dir Heil und Frieden! So sage ich dir, mein Sohn, wie eine Mutter, weil ich alle Worte,  die wir auf dem Wege gesprochen haben, kurz in diesem Wort unterbringe  und rate - und wenn es dir nachher nottut, um einen Rat zu mir zu kommen -  so also rate ich dir: Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint,  Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen,  so tu es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich.  Und wenn es dir notwendig ist,  um deiner Seele oder deines sonstigen Trostes willen zu mir zu kommen,  und wenn du zu mir kommen willst, Leo, so komm.   ¡Buenas noches!





Moses Himmelsbrief


Und du hast das mit deinen eigenen Augen gehört, mit deinen eigenen Ohren geschaut, mein Kind? Ja? Staunenswert. Ich glaube dir. Ich glaube dir aufs Wort. Du weißt, dass auch ich das Wort im Feuer sah, das Feuer im Wort hörte? Ich, Mose, Mann Gottes.   

Gut. dass du deine Visionen und Erlebnisse nicht auf den Markt trägst. Denn es wird Leute geben, die Beweise fordern. Sie wollen dir nicht glauben, sondern das Unbegreifliche begreifen, das Unberührbare berühren. Sie wollen Gott - Gott? - im Kalender einplanen. Sie wollen Gott - Gott? - auf möglichst bekannte Worte und Orte festlegen: überraschungsfrei, durchsichtig, gemütlich. Ihr Gott soll sein: praktisch und praktikabel, angenehm temperiert, international anpassungsfähig und optimal verfügbar. Vor allem: ungefährlich, entschärft. Und wortwörtlich soll man ihn zitieren können. Und erhaben soll er sein. Feierlich soll er sein, feierlich und kultiviert. Und konkret, aber natürlich nicht allzu konkret.   

Wort im Feuer, Feuer im Wort? Flamme aus dem Dornbusch? Trockenen Fußes durchs Meer? Manna in der Wüste? Wasser aus dem Felsen? Gebote aus der Wolke? Wer soll dich denn verstehen, sagen sie. Vielleicht Schafe und Ziegen, aber doch nicht wir, sagen sie. Wir müssen das dann sowieso übersetzen, deine sonderlichen privaten Offenbarungen. Wir werden deinen Gott übersetzen für alle, bis wir einen brauchbaren, abgesicherten Allerweltsglauben haben. Ja, einen Allerweltsgott brauchen wir. Und keinesfalls zu lebendig soll er sein. Leben tun wir selber, sagen sie. Und damit das funktioniert, müssen wir es gut organisieren, sagen sie. Auch einen Etat brauchen wir, sagen sie, einen Etat, und Lehrer und Führer und Meister und Väter, Durchlauchten und Heiligkeiten und so weiter, also das ganze Programm. Man will nämlich nicht herumrätseln und durch Wüsten irren. Man will Fakten. Lupenreine Fakten und verbindliche Termine. Davon ganz abgesehen: Mit zehn Geboten kommt man nicht durch, sagen unsere Juristen. Und nicht nur sie.  

Du aber bist anders. Sie tun nur so, als ob sie leben. Du aber - lebst!  Sie hüten die Asche. Du hütest die Flamme. Sie gucken nach links, gucken nach rechts, verteilen Sonnenbrillen und Rettungsschirme. Du aber schaust. 

Alles begann damals in der Steppe. Ich weidete die Schafe und Ziegen meines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb ich das Vieh über die Steppe hinaus und komme zum Gottesberg Horeb. Da: der Engel des Herrn! In einer Flamme aus einem Dornbusch! Ich schaue hin: Da brennt der Dornbusch und verbrennt doch nicht. Sage ich mir: Ich will näher hin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr mich kommen sieht, ruft er mir zu: Mose, Mose!  Sage ich: Hier bin ich. Und der Herr: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte ich mein Gesicht; denn ich fürchtete mich, Gott anzuschauen.  Sagt der Herr: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.  Sage ich: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Und dann, was soll ich ihnen sagen? Antwortet Gott: Ich bin der „Ich-bin-da“. Und weiter: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt. So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen. (Ex 3, 1-8a.13-15)  

Eigentlich hast du dir den Himmelsbrief von deinem geheimen Vorbild erhofft, diesem putzmunteren Greis aus Paris, Stéphane Hessel. Doch er will nun erst einmal seine himmlische Ruhe haben. Er freue sich auf den Tod, hatte Stéphane vor einigen Jahren gesagt: Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann dann eben schon. Sein politisch wunderbar unkorrektes Manifest "Empört Euch!" - Auflage über vier Millionen, übersetzt in 50 Sprachen - hatte dich begeistert. Kannst es ja wieder lesen, sagt er und lächelt. Wir lächeln mit, denn es ist leider selten geworden, dass einer rundum glücklich bei uns eintrifft. Er hatte seine Höllen zu Lebzeiten und muss sie nicht nachsitzen. Gern greife ich aber sein Motto auf: "Empört Euch!" Meine Initialzündung am Dornbusch ermutigte mich zum aufrechten Gang - du kennst mich als Widerstandskämpfer vor dem Pharao -  und befähigte mich zum Anführer eines störrischen Volks - Stichwort Exodus.  

Als sich mein Bruder Stéphane - 1944 von der Gestapo festgenommen, gefoltert und zusammen mit 37 Kameraden ins KZ Buchenwald deportiert – nach Auflösung des Lagers auf dem Transport nach Bergen-Belsen aus dem Waggon befreit hatte, sagte er: "Ich, der auf wunderbare Weise gerettet wurde, habe eine Verantwortung gegenüber jenen, die nicht überlebt haben". Du verstehst, weshalb ich einen wie ihn meinen Bruder nenne. Einen, der sich für die "Sans Papiers" einsetzte, Migranten ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Einen Juden, der sich im Nahost-Konflikt klar auf die Seite der Palästinenser stellte. Er wusste, was es heißt, die Flamme zu hüten, nicht die Asche. Als Holocaust-Überlebender kannte er das Symbol der Asche und blickte dennoch in die Zukunft: trotzig, hoffnungsvoll. "Empört Euch!", sagte er, war "keine große Sache... Vielleicht die erste Stufe einer Rakete, ein Weckruf an das Bewusstsein..."   

Vor einer Reise in den Gazastreifen sagte er vor jüdischem Publikum in Berlin, er könne nicht verstehen, wie ausgerechnet der jüdische Staat nach der Erfahrung des Holocaust, die Menschenrechte derart missachten kann. Und er könne und dürfe nicht schweigen über die sechzigjährige, erbärmliche Existenz von Menschen in Flüchtlingslagern. Das muss ein Ende haben, sagte er, und um dieses Ziel zu erreichen, müsse man auch mit Gruppierungen sprechen, deren Ziele man nicht teilt. Ein Mann wie Mose, flüsterten einige, aber nur sehr leise.   Wie gesagt: er will und darf nun seine himmlische Ruhe haben. Und wiederum und weiterhin: Auch ihr, die ihr noch lebt und Leben vor euch habt, auch ihr habt andere Aufgaben als Archivieren und Grabpflegen und wehmütiges Rückblicken (Stichwort "Fleischtöpfe Ägyptens"). Stéphane hatte sich einst in Gestapo-Haft auf einem Zettel ein Shakespeare-Zitat notiert: "Trauert nicht um mich, wenn ich tot bin."   

Also: Augen auf! Eines schönen Tages - und es wird bei aller Tristesse ein schöner Tag sein - wirst du sterbend das verheißene Land erblicken. Vielleicht als Greis, alt und lebenssatt, oder vermeintlich viel zu früh inmitten der Jahre. Augen auf. Und: die Flamme hüten. Augen auf: himmelwärts! Um heute schon zu üben, soll ich dir behutsam und mit Bedacht ein Gedicht meiner Wahl ans Herz legen, sagt Stéphane. Oh, wie er sie liebte die Poesie. Rund 100 Gedichte hatte er im Lauf seines langen Lebens par coeur gelernt.  

Empört euch - und vertraut der Stimme aus dem Feuer!  Dein und euer himmlischer Brieffreund: Mose.  

Und hier das versprochene Gedicht. 
Von Matthias Claudius (1740-1815): 
Die Sternseherin Lise   

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' am Himmel an.  

Sie gehn da, hin und her zerstreut,
Als Lämmer auf der Flur,
In Rudeln auch und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur  

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön;
Ich seh' die große Herrlichkeit
Und kann mich satt nicht sehn...  

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was Bessers in der Welt 
Als all ihr Schmerz und Lust."  

Ich werf mich auf mein Lager hin
Und liege lange wach
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich darnach. 





Himmelsbrief


Liebe Paola,  
dein Flehen - gut passt dieses altertümliche Wort - dein Flehen berührt mich. Ich bin dir vermutlich unbekannt, und du erwartest nicht ernsthaft konkrete himmlische Briefpost. Doch du bittest um Kraft und Weisheit für einen großen und schwierigen und schönen Tag. Kraft, um als Patentante bei der Taufe der kranken Melanie das rechte Wort auch recht zu sagen (und nicht in Tränen auszubrechen). Weisheit, unbeirrt bei dem wunderbaren Segensgebet zu bleiben, das du ausgesucht hast, auch wenn du damit vielleicht deine Freundin und ihren Mann (über)forderst. Aber sie haben dich zum Patenamt gebeten und wissen, dass du religiös bist. Sie sind zwar auch getauft, Kirchenmitglieder, aber doch ziemlich laue Christen.   

Erst jetzt, sagt René, haben wir wieder mit dem Beten angefangen. Wenigstens das Vaterunser. Wenigstens: Dein Wille geschehe. Die dunkle Bitte, die uns kaum über die Lippen will. Ob Melanie, unser kleines Würmchen, mit ihrer Behinderung lange lebt, wissen wir nicht. Das weiß nur Gott, fügt René leise hinzu, fast als ob er sich solcher Worte schämen müsste.    Ich bin Alice von Platen-Hallermund, verwandt mit dem Dichter August von Platen war. 1910 im holsteinischen Weißenhaus als jüngste von drei Schwestern geboren. Aus meinem langen Leben als Ärztin, Psychiaterin und Psychoanalytikerin will ich dir nur einige Worte über den Wert kranken Lebens mitgeben. Manches verdanke ich ersten Prägungen im Internat Schloss Salem unweit des Bodensees. 1946 war ich Mitglied der Beobachterkommission beim Nürnberger Ärzteprozess. Denn ich war Augenzeugin. Hilflos hatte ich während der NS-Zeit - damals arbeitete ich in Österreich - zusehen müssen, wie Patienten im Rahmen des Euthanasie-Programms getötet wurden.

Ich veröffentlichte später Prozessdokumente unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“.
Daraus einige Zeilen:  
"Solange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen; doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die 'Abnormen' kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Menschseins; gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten, ist er doch in besonderer Weise hilflos den Dämonen preisgegeben und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen – wenn auch den 'Göttern näher', wie Norbert von Hellingrath in einer Rede über Hölderlins Wahnsinn schrieb...“  

Liebe Paola, ich weiß, dass mein Zitat nicht so richtig zu deiner Geschichte passt. Melanie, euer Frühchen, ist anders krank, anders gefährdet, aber sie ist geliebt und angenommen. Per Kaiserschnitt kam sie mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Schon bei der Fruchtwasseruntersuchung kam damals die niederschmetternde Diagnose: Freie Trisomie 18, das Edwards-Syndrom. Nach Meinung der Schulmedizin ein hoffnungsloser Fall. Falls sie Schwangerschaft und Geburt je überlebt, blieben ihr höchstens einige Wochen, vielleicht Monate. Deine Freundin und ihr Mann wollten sie aber leben lassen, weiß der Himmel. Es war ja ihr erstes Kind. Liebe kennt keine hoffnungslosen Fälle. Aber Angst und Selbstzweifel kennt sie wohl, die Liebe, und Schuldgefühle kennt sie auch.    Nun also: die Taufe. Und du: die Patentante. Und das trotzige, kühne, verrückte Gebet, das du aus eurem Gesangbuch vortragen willst. Du hast Mut. Zeile für Zeile: unglaubliche Verheißungen.   

Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen   Dass es sehen lernt mit seinen eigenen Augen Das Gesicht seiner Eltern Und die Farben der Blumen Und den Schnee auf den Bergen Und das Land der Verheißung   Voller Poesie: das Tauflied von Lothar Zenetti. Und so sinnlich. Und so würdig. Ich finde, Paola, du hast einen sehr starken Text gewählt. Und wenn auch ein Schaudern durch die kleine Taufgemeinde gehen wird: es ist gut.  

Es ist gut, zu bitten um Segen für dieses Kind und um Hilfe, ihm zu helfen:   Dass es hören lernt mit seinen eigenen Ohren Auf den Klang seines Namens Auf die Wahrheit der Weisen Auf die Sprache der Liebe... Und dass es greifen lernt mit seinen eigenen Händen... Und dass es reden lernt mit seinen eigenen Lippen... Und dass es gehen lernt mit seinen eigenen Füßen Auf den Straßen der Erde Auf den mühsamen Treppen Auf den Wegen des Friedens In das Land der Verheißung   Das Land der Verheißung, Paola: du berührst es tapfer Wort für Wort. Und Melanie ist gesegnet, auf dass sie lieben lernt mit ihrem ganzen Herzen.  

Euer junger Diakon, der die Taufe spenden wird, ist etwas unsicher. Jedenfalls wirkt er nervös. Er will aus der Tageslesung nur zu zwei Sätzen predigen. "Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich..." Nein, hat er gesagt, ich beziehe das nicht wirklich auf mich. Im Evangelium (Lk 3,15-22) geht es ja um Johannes den Täufer. Und doch, sagt er zögerlich: ich beziehe es eigentlich auch auf mich. Denn ist es nicht genau so: Ich taufe nur mit Wasser. "Es kommt aber einer, der stärker ist als ich"? Und ist das nicht unsere ganze Hoffnung an diesem Tag?  

Dir, dem schüchternen Diakon, den staunenden Gästen, den wunderbaren Eltern und der umsorgten Melanie wünsche ich ein liebes Fest! (Und keine Angst vor Tränen.)
Deine himmlische Brieffreundin: Alice






Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich bin. Stolz und aufgeregt. Ihr habt mich als wichtigen Nebendarsteller für eure Christmette am Heiligabend auf dem Bauernhof gebucht! Mich, das dumme Schaf.  

Dumm? Dumm ist nur, was du da sagst, Freund. So redet mir ein netter alter Herr gut zu, Robert Musil heißt er, ein Österreicher. " ... der Mensch findet heute das Schaf dumm. Aber Gott hat es geliebt. Er hat die Menschen wiederholt mit Schafen verglichen. Sollte Gott ganz unrecht haben?" Und er streichelt mich, wie es viele Leute gern tun. Sie mögen das mollige Wollige. Und noch was - sagt Robert, zu meiner Beruhigung - : "Der sichtbar gestaltete Ausdruck hoher Zustände ist dem der Blödheit nicht unähnlich." Mäh, sage ich und lasse mich würdevoll noch ein bisschen kraulen.  

Ihr seid ja inzwischen eine richtige Attraktion: "Pfadis feiern Weihnachten im Original mit Ochs und Esel!" So schlagzeilt das Kleinkrempener Wochenblatt, wobei wieder mal nur die großen Tiere Erwähnung finden. Dabei sind die beiden nicht einmal biblisch, sehr im Unterschied zu uns Schafen. Und von Original kann sowieso nicht die Rede sein, ihr seid höchstens originell. Und das ist doch was. Einer von euch, vermutlich der mollige Olli, wird mich feierlich an die Krippe führen und in meinem Namen eine Rede halten, eine Schafspredigt, vergnügliche Variante des Hirtenbriefs. Dafür braucht ihr honorige Tipps aus berufenem Mund. Und meinem Mäh könnt ihr leider noch zu wenig Inhalt entlocken. Erst nach Weihnachten, behauptet Olli, kommen die Nächte des großen Verstehens zwischen Tieren und Menschen. Aber da sei es natürlich zu spät.  

Wunschgemäß hier die Vorschläge für meine Weihnachtsansprache im Stall.   

Vorschlag 1: Ich bin eins von denen in Bethlehem  Zugegeben, das ist nicht wirklich originell, aber ihr seid auf der sicheren Seite. »Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde« (Lukasevangelium). Elegant könnt ihr zu einem passenden Lied überleiten. Kommet ihr Hirten. Als ich bei meinen Schafen wacht. Und weist bitte darauf hin, dass zum echten Engelsgesang von oben vielstimmiges Geblöke von unten gehört. Oben hui, unten pfui.   

Vorschlag 2: Ich bin der Liebling des guten Hirten. Am besten beginnen wir mit einem Wort aus dem Johannesevengelium. "Ich bin der gute Hirt; ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich" Und nun blättern wir in der Bibel zurück zum Propheten: "Ich bin der gute Hirt: die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die kranken heilen" (Ez 34,16). Bedenkt: Wenn wir Schafe besonders ungeschickt hinfallen, wenn wir gar auf dem Rücken liegen und die Beine nicht mehr auf dem Boden stehen, sind wir echt hilflos. So. Dazu natürlich dramatische Beispiele, am besten Fälle mit großer Fallhöhe. Zum tröstlichen Ende aber der Klassiker, Psalm 23. "Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Voilà.  

Vorschlag 3: Ich bin das verlorene Schaf.  Dazu liest du aus Lukas 15, 1-7: "Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen." 
Tipp: Die Sache wird noch aufregender, wenn du die Prozentzahlen aktualisierst. Nach meiner Schätzung irren 99 herum und gerade mal eins sitzt brav im Stall und tut so, als ob es der Buße nicht bedürfe. Da erhebt sich die Frage, wie viele Hirten in Aktion treten müssen. Und wer weiß, ob nicht die Hirten selber herumirren. Vielleicht freuen sie sich, wenn endlich mal irgendwo mein Mäh erklingt.  

Vorschlag 4: Ich bin das Schäfchen in der Grube Auch hier beginnt ihr direkt mit Jesus: "Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft? Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf!" (Matthäus 12, 9-14) Nun würde ich aber nachfragen, wer eigentlich immer diese üblen Gruben so heimtückisch anlegt, dass sogar ein cleveres Schaf wie ich ins Rutschen kommt. Und ich frage mich, ob es nicht gescheiter wäre, wie vor einem Bahnübergang Warnschilder aufzustellen. Wenn man wüsste, dass so etwas nur am Sabbat passieren kann, könnte man da ja vorsichtshalber im Stall bleiben. Aber wer weiß.  

Vorschlag 5: Ich bin der Wolf im Schafspelz (oder so ähnlich) Als Verfremdung könnt ihr zunächst die Sache umdrehen und ein Schaf im Wolfspelz ausmalen. Freilich ist zu befürchten, dass es die heilige Familie samt anbetenden Hirten gehörig erschreckt. Also keine so gute Idee. Obwohl. Wie wäre es, über ein womöglich liebenswertes Wesen hinter wölfischen Fassaden nachzudenken. Oder darüber, weshalb sich ein niedliches Schaf im Lauf der Zeit so eine harte Schale zulegt. Ob so oder so. Ihr kommt dann auf den himmlischen Frieden in Jesaja 65 zu sprechen. "Wolf und Schaf sollen beieinander weiden." Und ich als Wolf im Schafspelz arrangiere mich. Je länger, je lieber. Es ist sowieso schön, ein Image loszuwerden, das nur einsam macht.   

Vorschlag 6: Ich bin dem Johannes sein Schaf - auch Agnus Dei gerufen Mit dieser Predigt punktet ihr doppelt. Erstens, weil Johannes der Täufer sowieso zum Advent passt - „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“ (Joh 1, 23) - und zweitens, weil ich eigentlich auf keinem seiner Bilder fehlen darf. Man kennt mich, wie mich Maler Mathis im Isenheimer Altar darstellt: zwischen dem Gekreuzigten und dem Täufer, mit Kreuzstab und einer Wunde, aus der Blut in einen Kelch tropft. Diese Weihnachtsansprache wird auch eurem Pfarrer imponieren. Ihr macht dann einen einfachen Schwenk zum Karfreitag und zitiert aus dem Evangelium: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt" (Joh 1, 29). Alles in allem wird das eine sehr theologische Angelegenheit. Am besten übergebt ihr dann dem Pfarrer das Wort. Wie ich ihn so kenne, wird er freudig zugreifen und nicht so bald wieder loslassen.  

Vorschlag 7: Ich bin das schwarze Schaf Dazu braucht ihr keine Anleitung. Ihr gefallt euch das Jahr über ja selbst in dieser Rolle. Fast nie sieht man euch in der Kirche, und zu Weihnachten habt ihr dann das große Heimspiel im Stall. Als schwarzes Schaf bezeichnet man bekanntlich Leute, die in der guten Gesellschaft unangenehm auffallen. Außenseiter also. Aber offensichtlich nicht unsympathisch. Geile Beispiele wisst ihr sowieso.   

Vorschlag 8: Ich bin Shrek, der Ausbrecherkönig von Neuseeland Egal, wer dabei auftreten soll: Selbst das wolligste Schaf muss für meine Rolle noch was überziehen. Denn bekannt wurde ich, weil ich mich sieben Jahre lang erfolgreich der jährlichen Schafschur entziehen konnte und in Höhlen Zuflucht suchte. Als man mich 2004 endlich fasste, wurde ich live vor laufenden Fernsehkameras geschoren: 27 Kilo Wolle! Ich war der Liebling der Nation. Und als ich im letzten Jahr hochbetagt starb, trauerte meine Fangemeinde im Internet und eröffneten mir eine Facebook-Seite: "R.I.P. Shrek the Sheep".  Ob ich mich für eure Weihnachtsansprache eigne? Warum nicht? Ist es schwierig, einen geliebten cleveren Ausreißer mit dem Evangelium der Freiheit zu verbinden? Wer kennt nicht den gelegentlichen Wunsch, ungeschoren davonzukommen?  

Vorschlag 9: Ich bin Dolly. Ähnlich wie Shrek, aber ganz anders, war auch ich eine Berühmtheit, aber eine traurige. Ich war das schottische Klon-Schaf. Ob sich am Heiligabend die versammelt Gemeinde im Stall für unsereiner interessiert? Unsereiner: ich denke nicht nur an Klontechnik, sondern an Tierversuche, Reproduktionsmedizin und Genforschung. Eigentlich naheliegend, im Stall dem Leid aller geplagten Kreaturen eine Stimme zu geben. Und: Was ist der Mensch? Und wer ist wie Gott? Gutee Themen, wo das Fest der Menschwerdung Gottes gefeiert wird.   

Vorschlag 10: Ich bin Shaun. Ich fürchte, ich bin eure erste Wahl, denn ich habe Witz und biete beste Unterhaltung. Neugierig und verschmitzt lebe ich im Kreis meiner Herde zusammen mit einem Hütehund namens Bitzer, dem Bauern, drei fiesen Schweinen und diversen anderen Tieren auf einem Bauernhof. Ihr kennt mich. Slapstick und Situationskomik vom Feinsten! Ob ich zu Weihnachten passe? Am besten bringt ihr meine Nummer erst als Zugabe. Jedenfalls habt ihr dann im Stall - sogar bei Sauwetter - fröhliche Weihnachten.  

So, das war's. Nun macht euch an die Arbeit. Ich freue mich jedenfalls schon auf den Heiligabend. 

Agnus, euer Weihnachtsschaf und Brieffreund im Himmel. Mäh. Mit einem Gruß von Morgensterns Mondschaf





Advent - Ankunft 2012



Wallfahrtskirche St. Gallus

Mailnachricht:         

„Ankunft – Regionalzug Stuttgart – Singen
Samstag 17.37 Uhr Oberndorf
Freu mich auf Dich!“

Warten – Auf- und Abgehen am Bahnsteig.
Blick in die Richtung aus der der Zug kommt.
Höre ich ihn bereits?
Spannung – dann plötzlich sehe ich die Lichter des Zuges.
Aus welcher Tür tritt er?
Ist er im ersten, im letzten Wagen…

 Advent  – Ankunft 2012

SMS: 
„Ich komme – freu mich auf DICH!“         -        JESUS

Kommt er wirklich? Zu mir?
Wie sieht er aus? Schon lange nicht mehr gesehen.

Erkenne ich ihn? Aus welcher Tür tritt er?
Enttäusche ich ihn, wenn er mich sieht?

Darf ER bei mir ankommen?
In meinem Leben, mit allem Gelungenen, Schönen, Heilen, aber auch mit meinen Scherben, meinem Unheil, meinem Unfertigen?

ER WILL ANKOMMEN BEI MIR. HEUTE.

„Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Evangelium Mt 24,14)

Sr. M. Bernadette Gaile, Mesnerin in der St. Gallus-Kirche Heiligenbronn





Himmelsbrief von Martin Buber


Schalom! So grüße ich euch. Friede! Ich schreibe euch als euer Bruder.

Seit September 1982 habt ihr euer Friedensgebet durchgehalten. Staunenswert. Woche für Woche. Jahr für Jahr. Nicht nur während der Friedensdekade. Und kaum ist der Buß- und Bettag verklungen, lest ihr zum Sonntag Worte vom Propheten Jeschajahu. Ihr kennt ihn unter dem Namen Jesaja.

Mehr als dreißig Jahre Friedensgebet. Wäre euer Durchhaltevermögen vom Erfolg abhängig: Ihr hättet vielleicht längst klein beigegeben. Wäre Gottvertrauen vom Erfolg abhängig, gäbe es wenig Glauben auf Erden. Noch weniger. Gern werde ich einige eurer Fragen beantworten. Doch der größten Frage bin ich nicht gewachsen: Warum lässt Gott das zu? Ja, Geschwister: warum? 

Ihr habt einen schönen Brauch. Alle Jahre am letzten Sonntag des Kirchenjahrs besucht ihr einen wahren Ort des Friedens. Einen Friedhof. So kommen wir zusammen. Ihr fahrt zu den Steinen von Worms. Zum großartigen Gebet aus Steinen: dem Dom. Zum stillen Gebet aus Steinen: dem alten jüdischen Friedhof "Heiliger Sand". Ihr bringt sogar eigene Steine mit, bemalte Spruchsteine. Die wollt ihr auf einigen Gräbern niederlegen. So habt ihr es - unvergesslich und bewegend - vor Jahren im Film gesehen. "Schindlers Liste". Ob es angemessen ist, als Christen über jüdischen Gräbern das Kaddisch zu sprechen? Geduld, meine Lieben. Betend können Geschwister nicht irre gehen.  

In Worms - und deshalb wandern eure Gedanken zu mir - wollt ihr mit meinen Augen auf den Friedhof und zum Dom schauen. Ihr habt im Reiseführer vom berühmten "Martin-Buber-Blick" gelesen. Wenn mein Blick nur eine imposante Perspektive auf Sehenswürdigkeiten wäre, hättet ihr nicht viel davon. Aber mit meinen Augen könnt ihr wirklich gut sehen.   

Während euch mein Brief erreicht, ist das "heilige Land" wieder im Unheil. Wieder einmal. Das Prophetenwort ist aktuell wie eh und je. Jeschajahu, der Sohn des Amoz, eröffnet seine Schrift, seinen "Schauempfang", wie folgt: "Horchet, Himmel, lausche, Erde, denn ER hat geredet: Söhne zog ich groß, brachte ich hoch, und die, abtrünnig wurden sie mir. Ein Rind erkennt seinen Eigner, ein Esel die Krippe seines Meisters, der nicht erkennt, ist Jissrael, der nicht unterscheidet, mein Volk. Weh, wegverfehlender Stamm, schuldbeschwertes Volk, Saat Bösgesinnter, verderbte Söhne! sie haben IHN verlassen, den Heiligen Jissraels verschmäht, rückwärts sich abgefremdet..."

Ihr habt als Kinder Deutschlands, als Enkel und Urenkel der NS-Zeit habt ihr Hemmungen, Israels Politik zu kritisieren. Jeschajahu aber, der Sohn des Amoz, redete meinem Volk ins Gewissen. Seine Worte waren hart und stellten klar. Eure Sonntagslesung findet sich im 65. Kapitel. Horcht und lauscht auf meine Übertragung der Verse 17 bis 25. Horcht und lauscht - und lasst alles Fragliche und Unverstandene einfach stehen. Lasst es stehen und begnügt euch mit dem, was euch einleuchtet und zu Herzen geht. Die anderen Sätze sind dennoch nicht in den Wind gesprochen. Aber sie haben ihre eigene Stunde.  

"Wohlan, ich schaffe den Himmel neu, die Erde neu, nicht gedacht wird mehr des Frühern, nicht steigts im Herzen mehr auf, sondern entzückt euch, jubelt fort und fort, drob was ich schaffe! 

Denn, wohlan, ich schaffe aus Jerusalem einen Jubel, aus seinem Volk ein Entzücken, ich juble über Jerusalem, ich entzücke mich an meinem Volk. 

Nicht hört man mehr darin Stimme des Weinens, Stimme des Geschreis. Nicht soll dorther mehr einer sein, zart an Tagen und doch gealtert, der seine Tage nicht vollendet, denn als jugendlich wird der Hundertjährige sterben, und der Sünder wird verwünscht, nur ein Hundertjähriger zu werden. 

Sie bauen Häuser und siedeln, pflanzen Reben, essen ihre Frucht: sie bauen nicht, daß ein anderer siedle, pflanzen nicht, daß ein anderer esse. Denn wie die Tage des Baums sind die Tage meines Volks nun, was das Tun ihrer Hände erbringt, sollen meine Erwählten verbrauchen. Sie sollen nicht ins Leere sich mühen, nicht zu Bestürzung gebären, denn SEINER Gesegneten Same sind sie und ihre Nachfahrn mit ihnen. Geschehen wirds: eh sie rufen, antworte ich, sie reden noch, und ich erhöre. Wolf und Lamm weiden wie eins, der Löwe frißt Häcksel wie das Rind, und die Schlange, Staub ist nun ihr Brot: nicht übt man mehr Böses, nicht wirkt man Verderb auf all dem Berg meines Heiligtums, hat ER gesprochen."

Schon manchmal habt ihr auf dem Nachhauseweg vom Friedensgebet über die unglaublichen Verheißungen der Bibel diskutiert. Wer ist das Lamm? Wer ist der Wolf? Und einmal half euch ein kleiner Text weiter. War der nicht von Helmut Gollwitzer? "Er schickt mich als ein Lamm unter die Wölfe und in diese wölfische Welt. Ich sage darauf zu ihm, das will ich nicht, denn erstens hat ein Lamm unter Wölfen keine Chance, und zweitens bin ich kein Lamm, sondern auch ein Wolf, genau wie wir alle hier mit unseren schönen Worten..." Ja, wir sind immer Lämmer und Wölfe zugleich.  

Ihr nennt den Sonntag beim rechten Namen "Ewigkeitssonntag". Gut so. "Totensonntag" ist zu wenig. Jüdische Friedhöfe werden für die Ewigkeit angelegt. Die Totenruhe ist unantastbar. Doch auch Friedhöfe kann man - wie jedes Heiligtum - vernachlässigen, räumen, überbauen, schänden. Sogar dann bleibt heilige Erde, heiliger Sand. Wir haben für Friedhöfe mehrere Bezeichnungen: Haus der Ewigkeit, Haus des Lebens, Stätte der Gräber, Guter Ort, Grabstätte der Eltern. "Haus des Lebens" mag ich besonders.  

Mit meinen Augen werdet ihr mehr sehen als Steine und Mauerwerk. 1933 schrieb ich: "Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. .. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden."

Liebe Geschwister, ich werde mich freuen, wenn ihr in Worms als Christen mit uns das Kaddisch betet. Denn "alles wirkliche Leben ist Begegnung."

Euer himmlischer Brieffreund und Bruder 

Martin Buber





Florence Nightingales Himmelsbrief

Lieber Patient auf der E 16,  

Ihr "Gebet mit fremden Federn" berührt mich und auch den original-federführenden Dichter Zbigniew Herbert. Er freut sich über die Wirkung seiner Zeilen aus der Klinik in Warschau, kurz vor seinem Tod 1998. Auch er litt übrigens an Parkison.   

Ihr Gebet - aus der Erinnerung gesprochen - folgt fast wörtlich Zbigniews Krankenhausgedicht.  

Danke, Herr, für die Spritzen und die Nadeln.
Die dicken und die dünnen.
Danke für Bandagen und Heftpflaster.  

Danke für den Tropf, die Mineralsalze 
und besonders Danke für die Schlaftabletten 
mit den interessanten Namen.  

Heißen sie nicht ähnlich wie gute römische Feen,
die den Tod erbitten und an ihn erinnern?  
Danke, Herr.
  

Nur eins noch: Ich würde dem Pflegepersonal gern Gutes tun und weiß nicht was. Ich würde Ihnen gern die Arbeit erleichtern und weiß nicht wie. Das plagt mich, seit ich hier bin. Ich denke an das Wort der Sonntagslesung: "Einer trage des anderen Last" - und kann gar nichts tragen. Ich weiß, es ist dumm, aber ich schäme mich dafür.  

Lieber Patient, das ist schon etwas Besonderes, wie Sie beten. So sprechen weiß Gott nicht viele auf der E 16. Manche klagen und klagen. Niemand wird es ihnen verübeln. Manche hadern und hadern. Auch das ist begreiflich. Einige bitten um das Wunder der Heilung, andere um den raschen Tod. Manche bekommen Besuch, manche nie.   

Liebend gern schreibe ich Ihnen einen Himmelsbrief, weil mir damals mein Leben lang die Lage der Patienten sehr am Herzen lag. Vielleicht haben Sie von mir gehört? Florence Nightingale, geboren am 12. Mai 1820 als Tochter einer englischen Landadelsfamilie. Wir waren wohlhabend. Während eines Italienaufenthalts meiner Eltern wurde ich in Florenz geboren. So kam ich zu meinem Namen Florence: "Flo". Schon in jungen Jahren wollte ich mich der Krankenpflege widmen, doch all dies ist Ihnen womöglich bekannt. Ich will damit auch nicht angeben. Es war einfach mein Weg, meine Berufung.  

Eines Tages mussten meine Eltern meiner Beharrlichkeit nachgeben. Sie wünschten sich, dass ich eine gute Partie machen würde. Die Erfüllung ihres Wunschs übertraf ihre schlimmsten Vorstellungen. Ich lernte, was es damals auf dem Gebiet der Krankenpflege zu wissen gab, las schlaue Bücher, ging an geeignete Lehrstellen, wurde kompetent – und bekannt.   

Als im Sommer 1854 Großbritannien neben Frankreich und der Türkei in den Krimkrieg gegen Russland eintrat (was für ein schrecklicher Unsinn!), beauftragte mich die Regierung als Organisatorin zur Pflege verwundeter Soldaten. Mit 125 Pflegekräften organisierte ich ein Pflegeheim. Wir versorgten etwa 10 000 Soldaten. Da ich auch nachts nach den Kranken sah, war ich bald "The Lady of the Lamp, die Dame mit der Lampe". Vor allem aber begriff ich, dass es bei besserer Hygiene längst nicht so viele Todesfälle gegeben hätte. Da kam mir mein Interesse an Mathematik entgegen, denn im Kampf gegen Seuchen ist es kein Fehler, statistische Zusammenhänge zu verstehen. Davon abgesehen lag meine eigentliche Begabung im Organisieren. Energisch war ich sowieso.   

"Einer trage des anderen Last", zitieren Sie die Bibel, und sind bekümmert, weil Sie zwar Hilfe empfangen, aber selbst keine Leistung erbringen. Ist das nicht ein furchtbares Missverständnis? Wo steht denn geschrieben, dass Sie ausgerechnet jetzt als Patient die Lasten von anderen tragen oder mittragen müssen? Es geht doch um keinen Handel. Und ist es nicht viel, dass Sie Ihr eigenes Leid tragen? Ist es nicht staunenswert, dass Sie ihre Krankheit aushalten? "Herz, du verlierst sehr viel, wenn du nichts aushältst!"  

Mich hatte übrigens in jungen Jahren auch ein Schriftwort heftig angerührt. Es war auf einer Reise in Rom. In einem Gottesdienst hörte ich den Vers "Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". Sie kennen es vermutlich. Ein Satz aus dem Matthäusevangelium. Mir war, als ob Jesus mit diesen Worten genau mich meinte. Ausgerechnet mich, die Tochter aus gutem Hause. Und das ließ mich nie mehr los. Wahrhaftig eine gute Partie, oder?  

 "Wenn du mit Flügeln geboren bist, solltest du alles dazu tun, sie zum Fliegen zu benutzen."  

Ich  meine, Sie helfen den Pflegekräften bereits durch Ihren Respekt. Sie verstehen gut, was auch ich verstanden hatte: "Krankenpflege ist keine Ferienarbeit. Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll, eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung, wie das Werk eines Malers oder Bildhauers. Denn was bedeutet die Arbeit an toter Leinwand oder kaltem Marmor im Vergleich zu der am lebendigen Körper, dem Tempel für den Geist Gottes?" Und wo ich schon dabei bin, in meinen alten Aufzeichnungen zu blättern: 1851 schrieb ich in mein Tagebuch, die Leute "sollten einmal die Atmosphäre erleben, die ein Krankenhaus beseelt, das man als Schule Gottes ansehen darf, in der Patienten wie Pflegerinnen Gewinn davon tragen."   

Nun aber Schluss mit der Zitatenstunde. Ich wünsche Ihnen, Ihren Bettnachbarn und dem Team auf der E 16 einen guten Sonntag! Zur rechten Zeit Spritzen und Nadeln, Bandagen und Heftpflaster, Tropf und Mineralsalze. Und wenn nötig die Schlaftabletten mit den schönen Namen.  

Ihre gute Fee und Brieffreundin im Himmel: Flo 






Aus der Quelle schöpfen - Impuls zur Urlaubszeit 2012

Im Sommer sehnen wir uns nach Erholung und auch nach Erfrischung.
Die Quelle ist Ort und Einladung zu beidem! mehr

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Heiliger Bronnen
Aus der Quelle schöpfen - Impuls zur Urlaubszeit

Herr, bei Dir ist die Quelle des Lebens! Ps 36,10    

Im Sommer sehnen wir uns nach Erholung und auch nach Erfrischung.
Die Quelle ist Ort und Einladung zu beidem!
Mit Quelle verbinden wir: Erfrischung – Durst stillen – Stärkung – Oase!
Quelle ist aber auch: Quelle des Lebens, Quellen des Heils –Ort für unsere Sehnsucht und unseren Lebensdurst!  

In der Bibel begegnet uns auch das Bild der Quelle:  
der Psalmist betet: „Herr bei dir ist die Quelle des Lebens!“ Ps 36
die Propheten predigten vom Bild der Quelle: „Aus kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler!“ Jes 41,18
oder: „Denn der Herr leitet sie voll Erbarmen und führt sie zu sprudelnden Quellen“ Jes 49,10  

Gott begegnen – Ihn finden als die Quelle meines Lebens und sich an dieser Quelle stärken, das ist die Einladung Gottes in Heiligenbronn.    

Die Quelle ist auch eine Einladung zu mir selber zu kommen, zu den eigenen Quellen in mir selbst zu finden:  
hineinspüren zu den Quellen des Heils
in mir erkennen, was in mir an Lebendigkeit fließt
dabei entdecken, dass Gott da ist als ein Brunnen in mir  

Schöpfen Sie aus dem „Heiligen Brunnen“ in der Gnadenkapelle der Wallfahrtskirche bei uns Franziskanerinnen in Heiligenbronn.    

 Manchmal find ich einen Lebensquell.
Ich kann aus einem Brunnen schöpfen,
ich kann vom frischen Wasser trinken,
vom Wasser, das den Durst mir stillt.
P. H. Schlegel aus „David Fuchs – Spiel mit dem Leben“      

Sr. M. Agnes Löber





Himmelsbrief zum Fest des hl. Benedikt von Nursia

Guten Morgen, Vater Benedikt, wir sind wieder auf deinen Spuren unterwegs. Benedikt und Benedetto, du weißt schon, die beiden Namenstagspilger. In diesem Jahr kamen wir etwas von der Route ab. Kein Wunder. Wir nehmen eben keinen der bekannten Wege, die womöglich alle nach Rom führen. Dort ist es uns aber zu laut. Du verstehst. Als Student hast du es damals auch nicht lange in Rom ausgehalten. Nächstes Jahr wollen wir übrigens deine Höhle in Subiaco besuchen. Und eines Tages den Monte Cassino. Dieses Jahr sind wir in der Emilia-Romagna. Sieben Tage zu Fuß, oder wie unser Lateinlehrer gesagt hätte: per pedes apostolorum. Schön ist es hier. Wir sind gerade in dem kleinen Dorf Monte Benedetto. Unsere zwei Kerzen haben wir schon entzündet und miteinander die Psalmen der Laudes gesungen. Jetzt warten wir, bis der Nieselregen wieder aufhört.   

Die Sonntagslesung hat uns zu denken gegeben. Heute aus dem Buch Ezechiel:  
Wie der Anblick des Regenbogens, der sich an einem Regentag in den Wolken zeigt, so war der helle Schein ringsum. So etwa sah die Herrlichkeit des Herrn aus. Als ich diese Erscheinung sah, fiel ich nieder auf mein Gesicht. Und ich hörte, wie jemand redete. Er sagte zu mir: Stell dich auf deine Füße, Menschensohn; ich will mit dir reden. Als er das zu mir sagte, kam der Geist in mich und stellte mich auf die Füße. Und ich hörte den, der mit mir redete. Er sagte zu mir: Menschensohn, ich sende dich zu den abtrünnigen Söhnen Israels, die sich gegen mich aufgelehnt haben. Sie und ihre Väter sind immer wieder von mir abgefallen, bis zum heutigen Tag. Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen. Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Ob sie dann hören oder nicht - denn sie sind ein widerspenstiges Volk -, sie werden erkennen müssen, daß mitten unter ihnen ein Prophet war... (Ez 1,28b.2,1-5)  

Wir mussten beide sofort an diesen wunderlichen Mann denken, Tonino Guerra. Hier in der Gegend, rund um Pennabilli, also im Herzen der Val Marecchia, haben wir von ihm erstaunliche Dinge gesehen. Sprüche, Einfälle. Weisheiten. Poetische Orte, wie er sie nannte. Mann o Mann, dieser Typ hatte vielleicht Ideen! In der aufgelassenen Kirche San Filippo zeigt man seine "unpraktischen Möbel". Praktische Möbel gibt es genug, habe Tonino gesagt, ich will Möbel, die mich anschauen. Zum Beispiel das Möbel mit der Soutane. Wenn man es aufklappt, kommt ein Blatt heraus, das wie ein Baum aussieht. Ins Besucherbuch schrieben wir: "Poetisch zu leben ist die einzige Weise, lebendig zu bleiben." An einem Haus in der Via della Costa stand auf einer Keramiktafel: "Hier lebte über hundert Jahre lang Ccociarél, der Schöpfer der Lampions, die an den Fenstern während der Prozessionen hin- und herschwingen. Tonino Guerra". Und so geht es weiter. Herrlich. Geistreich. Und voller Liebe.  

Mein Freund Benedetto wusste was über ihn ihn. Benedetto ist Cineast. Besonders mag er Fellini. Dieser Guerra hat bedeutende Drehbücher geschrieben. Benedetto ist am Wochenende Filmvorführer. Er ist praktisch veranlagt. Wir haben dein berühmtes Motto unter uns aufgeteilt. Ich bin der mit dem Ora. Benedetto ist mehr fürs Labora. Ich studiere Geschichte und Literatur an der Humboldt in Berlin. Benedetto in Bologna Mathematik und Physik. Jedem das Seine. Du siehst: wir ergänzen uns optimal. Und wir sind richtig gute Freunde.   

Wie gesagt: Nach den Laudes wandern wir noch einmal nach Pennabilli. Wir wollen noch in den „Garten der vergessenen Früchte“. Außerdem hat man hier einen schönen Blick auf das bewaldete Tal und die alten Häuser. Zwischen Maulbeerbäumen, Kirschen und Mispeln stehen fantasievolle Installationen. Da gibt es einen „verzauberten Wald“, einen „Maulbeerbaum des Friedens“, ein „Refugium der verlorenen Madonnen“...  

Mio caro Benedetto, lieber Benedikt, wie schön, fast termingerecht von euch zu hören. Wie schön, dass ihr das Stundengebet miteinander pflegt, vor allem morgens. Tonino ist seit einigen Wochen bei uns. Seine guten Gaben, seine Sprache, seine Kunst sind uns vertraut. Wie auf Erden, so im Himmel. Wie sollte der Schöpfer die Schöpferischen nicht lieben. Tonino war ein herzlicher Freund. Vor allem ein Freund von Federico Fellini. Ihr seht das ganz richtig, wenn er euch bei der Sonntagslesung in den Sinn kommt. War nicht auch er mitten unter euch wie ein Prophet? Er sah die Erde in ihrer Unvollkommenheit, und er sorgte sich um eure Zukunft. Oh, er war kein Pessimist. Aber er wollte Dinge ins Gedächtnis rufen, bevor sie untergehen. Nein: damit sie nicht untergehen! Ähnlich wie Ezechiel. Der Künstler empfing Geist von oben - und war bodenständig.   

Er hat uns manchen guten Vers mitgebracht. Zum Beispiel jenes Gedicht am Ende von "Nostalghia". Das war gewiss kein lustiger Film - Tarkowski, der Regisseur, spielte doch meistens im ernsten Fach - aber dann versöhnt einen dieses heitere Gedicht von Tonino:   
Der Wind ist ein schwebend Ding um deinen Kopf,
das heller wird wenn du lachst.
Der Wind ist ein helles Ding um deinen Kopf, 
das an Gewicht verliert, wenn du lachst.
   

 Bestimmt hast du den Film gesehen, Benedetto, vielleicht sogar vorgeführt. Weißt du noch? Da sitzt Andrei - er heißt also wie der Regisseur - mit einem Hund an einem kleinen Tümpel vor seinem Haus. Und da berühren sich Himmel und Erde. Das geht so: man sieht das Holzhaus, dann weitet sich der Blick in eine vermutlich russische Landschaft. Tarkowski nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Minutenlang geht die Kamera langsam in die Totale. Wunderbar. So berühren sich nicht nur Himmel und Erde. So berühren sich Zeit und Ewigkeit. Denn jetzt erst, ganz allmählich, sieht man: die Szene spielt im Innern einer Kirchenruine. Und das ist noch nicht alles. Oben ist die Ruine offen. Oben ist die Kirche offen. Eine Ruine, aber zum Himmel offen. Wunderbar...  

Ich will euch heute nicht von meinem Leben und Wirken berichten. Erstens bin ich relativ bekannt, vor allem als Ordensgründer und Patron Europas. Zweitens sehen wir uns ja zum nächsten Namenstag wieder, und dann besucht ihr meine Höhle. Wart ihr übrigens einmal in Alpirsbach im Schwarzwald? Da gibt es in einem ehemaligen Benediktinerkloster ein kleines Kino mit Namen "Subiaco", stellt euch vor. Das wäre auch mal ein Tipp für unseren Namenstag!

Ich wünsche euch gesegnete Tage in Italien, meiner lieben zweiten Heimat. Wirklich daheim - ihr wisst es - sind wir nur in unserer ersten Heimat, im Himmel. Wo denn sonst. Am Ende meines Lebens war ich fast am Ziel. Auf jenem Berg, den ihr noch besuchen wollt, dem Monte Cassino. Und ich sah die ganze Welt in einem einzigen Lichtstrahl. Weit war mein Herz geworden. Weit und bereit.  

Darf ich euch noch ein Gebet mit auf den Weg geben?   
O gnadenreicher, heiliger Vater, 
verleihe uns Weisheit, dich zu erkennen 
Verstand, dich zu verstehen, 
Eifer, dich zu suchen, 
Geduld, auf dich zu warten
Augen, dich zu schauen, 
ein Herz, über dich nachzusinnen
und ein Leben, dich zu verkündigen 
in der Kraft des Geistes unseres Herrn Jesus.
  

Euer Brieffreund im Himmel: Benedetto  

PS Bruder Tonino hat sich sehr über euren Besuch in seiner Heimat gefreut. Wenn ihr nachher noch einmal San Filippo besucht, müsst ihr unbedingt sein köstliches Gedicht vom Engel mit Schnurrbart lesen. Es sorgt bei uns für gesteigerte Seligkeit, wenn das überhaupt möglich ist...  

Es war einmal ein Engel mit Schnurrbart, 
der war nicht fähig, nichts zu tun.
Statt um den Herrn herumzuflattern, 
kam er herunter ins Marecchiatal ins Haus eines Jägers
Der hielt in seiner Kammer ausgestopfte Vögel.
Unser Engel wirft ihnen Maiskörner hin und will mal sehen, ob sie sie fressen
Und er sagt: Los! und Los!
Alle Heiligen lachen über seine Macke. 
Eines schönen Morgens breiten die ausgestopften Vögel ihre Flügel aus
und setzen zum Flug an, 
hinaus in die Weite des Himmels,
und da singen sie wie noch nie.
    

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Himmelsbrief

Mahalia Jacksons Himmelsbrief   

Kennst du das? "He's got the whole world in His hands..." Wer? ER? Wer denn sonst. Davon bin ich mein Leben lang erfüllt. Ich, Mahalia Jackson, Queen of Gospel, am 26. Oktober 1911 in New Orleans aus Seiner Hand zur Welt gekommen, am 27. Januar 1972 im Krankenhaus Evergreen Park, Illinois, in Seiner Hand heimgegangen.
Ich schreibe dir, Elias, weil du uns so interessant erzählst. Von deiner kleinen Schwester und deinem Onkel Toni, von Gehörlosen auf dem Hauptbahnhof und den kinderreichen neuen Nachbarn aus Kischinau. Die blonde Natascha ist 24 Jahre alt und schon fünffache Mutter. Ihr Jüngster heißt Elias - wie du - und ist drei Jahre alt. Sie haben keinen Fernseher, trinken keinen Alkohol und gehören zu einer Erweckungskirche. So ganz genau weißt du das zwar nicht, aber seien ziemlich religiös. Ziemlich religiös? Da untertreibst du. Ich nehme an, sie gehören zu einer Pfingstgemeinde. Weiß der Himmel, wie Pfingstler von Amerika über Moldawien in euer Stadtviertel kommen, aber der Geist weht, wo und wie er will. Bei Natascha auf ihre Art, bei dir nach deiner Art. Du bist tolerant. Kein großer Kirchgänger, aber religiös. Nicht so extrem wie die Nachbarn, aber du betest. Und du machst dir deine Gedanken über Gott und die Welt. Und du bist wirklich sehr gesprächig.  

Ich würde dir den Himmelsbrief nicht schreiben, wenn mir nicht wieder so viel aus meinem irdischen Leben in den Sinn käme. Du weißt, dass mein Leben die Musik war. Daheim in New Orleans hörte ich Blechkapellen, Jazz von Roll Morton, Blues von Bessie Smith und die religiösen Lieder der vielen ekstatischen Sanctified Churches. Pfingstler waren wir daheim aber nicht. Nach dem Tod meiner Mum lebte ich bei einer frommen Tante. Wir waren Baptisten. Wie Martin Luther King. Von ihm hast du bestimmt gehört. Ein starkes Vorbild. Vielleicht hätten dir unsere Gottesdienste gefallen. Langweilig war es jedenfalls nie. Nicht wegen der tollen Predigten. Die waren mal so und mal so. Wenn etwas toll war, war es die Atmosphäre. Das Klatschen und Singen, der Rhythmus, die Leidenschaft. Total intensiv.   

Ich schreibe dir, Elias, weil mir die Szene mit deiner kleinen Schwester Lea so gut gefällt. Und auch, was dein Onkel Toni dazu sagt. Wenn ich dich richtig verstehe, ist Lea gerade mal sechs Monate alt und steht bzw. liegt im Mittelpunkt der Familie. Wenn sie nicht gerade mitten in der Nacht schreit, probiert sie offenbar ihr Stimme aus. Sie gurrt und zischt, quietscht und brummt, macht "a" oder "i", und das entzückt euch. Du bist gespannt, wann sie mehr kann: Papa, Mama, Wauwau. Oder: Elias! Oder Halleluja? Dein Onkel Toni, als er auf Besuch bei euch war, ist sich sicher, dass sie bald Halleluja kann. Oder Hosianna. Es geht schon in diese Richtung, sagt er, und zitiert aus dem achten Psalm: "Herr, unser Herrscher, / wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; / über den Himmel breitest du deine Hoheit aus. Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob..." Onkel Toni hat für jede Gelegenheit seinen Bibelspruch parat.  

Und wenn Lea schlecht drauf ist? Mitten in der Nacht hast du manchmal den Eindruck... Sei unbesorgt. Ich übersetze dir mal aus meinem Gospel. "He's got the whole world in His hands... He's got the little bitter baby right in His hands..." Gott hat die ganze Welt in seiner Hand. Und Er hat das kleine bittere Baby in Seiner Hand..." Klein und bitter? Natürlich nicht verbittert. Wie soll so ein Baby schon verbittert sein. Aber für mein Lied klang es so einfach gut: little bitter. Die zwei richtigen Wörter, ihr Klang, der Laut, verstehst du? Und es gibt ja sogar einen Sinn. Du kannst in deiner Sprache damit herumspielen. Bitter. Bitterlich. Bitte.  

Und so komme ich zu deiner anderen Geschichte, den Gehörlosen auf dem Bahnhof. Du warst erstaunt, wie gut und vor allem wie behände sie miteinander kommunizieren. Früher schrieb man das Wort meines Wissens "behende", aber eure Rechtschreibereform ist in diesem Fall sehr vernünftig. Die kleine Gruppe auf dem Bahnsteig hatte sich sehr viel zu erzählen, und sehr behände. Manche gaben dazu auch Laute von sich, eine Art Lallen, so kam es dir vor. Und es erinnerte dich an Lea. Und - peinlich - an deinen ersten Rausch. Ob Onkel Toni dazu auch einen Spruch wüsste? Und ob das zu euren Nachbarn passt? Du weißt nämlich vom Hörensagen, dass es bei den Pfingstlern noch das sogenannte Zungenreden gibt, eine eigenartige Sache. Natascha hast du noch nicht danach gefragt. Nach so intimen Dingen wie dem freien Gebet fragt man nicht, sagst du. Aber in einem Film sei mal was gekommen. Ziemlich krass für deinen Geschmack. Es muss ein Gottesdienst gewesen sein, einer mit Anfassen und Handauflegen und natürlich mit Klatschen und Tanzen. Und vor allem mit Ekstase, mit viel Ekstase. Eben etwas krass für deinen Geschmack. Und doch irgendwie faszinierend. Eine dicke Frau sei sogar richtig in Ohnmacht gefallen. Es sei aber gar nicht schlimm gewesen, und der Kommentator meinte, das sei sogar typisch... Na ja, du weißt nicht. Jedenfalls nicht deine Richtung. Aber was es doch alles gibt.  

Wie gesagt: So etwas kommt mir bekannt vor. In den Gottesdiensten meiner Kindheit gab es auch Ekstase. Begeisterung. Klatschen, Rhythmus, Leidenschaft. Leidenschaft für Gott. Inbrunst! Als ich später so berühmt war mit meinen Gospels, staunten die Leute, wenn ich mit meiner mächtigen Stimme nicht nur "schön" sang, sondern auch manchmal schrie und schluchzte. Wer weiß, was aus deiner Lea mal wird. Unsere Stimme kann so viel. Das richtige Sprechen in Wörtern, Sätzen und Grammatik ist wirklich nicht alles. Deine kleine Lea sagt manchmal Da-da-da? Wir haben hier im Himmel einige, die mitten im Halleluja unmögliche Texte daherbringen. Zum Beispiel singt einer "Schua ea, schua ea, / o tschi biro ti ra pea / akki lungo ta ri fungo / u li bara to ra tungo / latschi bungo ti tu ta." Und du wirst lachen, dem ist das ganz ernst, und es ist ein Gebet. Okay, das ist nun nicht mein Ding, aber du verstehst, Elias, warum ich dir davon erzähle. Lange hatte ich keine Ahnung, was Halleluja heißt. Oder Hosianna. Es hat mich auch nicht interessiert. Ich sang Halleluja. Ich sang Hosianna. Basta.   

Zum Schluchzen noch eine meiner stärksten Erinnerungen. Ich sang bei Martin Luther Kings Beisetzung sein Lieblingslied „Precious Lord". Keiner seiner Angehörigen konnte in dieser Stunde selbst singen. Also baten sie mich. Ich war damals krank. Aber ich sang. Und wie!  

Precious Lord, take my hand
Lead me on, let me stand
I'm tired, I’m weak, I’m lone
Through the storm, through the night
Lead me on to the light
Take my hand precious Lord, 
Lead me home...  

Mein Gott, nimm meine Hand ("kostbarer Herr" klingt irgendwie seltsam)
Führe mich, lass mich standhalten.
Ich bin müde, ich bin schwach, ich bin allein.
Durch den Sturm, durch die Nacht
Führe mich ins Licht.
Nimm meine Hand, mein Gott, 
Führe mich heim.   

Siehst du, Elias, du hast viel erzählt. Ich auch. In Worten, denn es ist ja ein Brief. Aber wenn du die Amsel hörst, den Regen, oder ein fernes Flugzeug, einen Krankenwagen, oder mitten in der Nacht deine liebe Lea, klein, bitter, dann wissen wir es: Gott, wie reich ist unsere Sprache, wie reich!   

Du bist kein großer Kirchgänger? Also will ich dir den Sonntagstext beilegen. Aus dem ersten Korintherbrief, im 14. Kapitel. Eine kritische Mahnung, das Zungenreden betreffend. Lassen wir das einfach so stehen. Ein vernünftiges Schlusswort. (Und mit der kleinen Unvernunft im Herzen, unserem Gurren und Lallen, Schluchzen und Schreien. da lassen wir uns sowieso nicht beirren, nicht wahr?)  

Grüße mir Lea, Onkel Toni und Nataschas Familie. Halleluja!
Mahalia, deine Brieffreundin im Himmel.  

Und nun hat das Wort der Apostel Paulus:
Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; keiner versteht ihn: Im Geist redet er geheimnisvolle Dinge. Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf... Ich danke Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede. Doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln. Seid doch nicht Kinder an Einsicht, Brüder! Seid Unmündige an Bosheit, an Einsicht aber seid reife Menschen!     

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Himmelsbrief

"Im Haus nebenan, Gott, du weißt schon, die komische Alte, wird sie noch lange leben? Du hast sie besonders lieb, nicht wahr? Wir wissen nicht viel von ihr. Nichts von ihrer Geschichte. Wir kennen nicht ihre Wohnung. Aber wir wissen das Wichtigste von ihr. Dass du sie liebst.
Jeden Morgen steht sie nämlich am Fenster und singt. Arien und Volkslieder. Die Königin der Nacht. Am Brunnen vor dem Tore. Wenn dann der Bäcker an der Ecke aufmacht, kauft sie sich eine Brezel und eine Tasse Kaffee.
Nachmittags geht sie in den Park und füttert ihre Tauben. Das darf sie nicht. Aber es ist ihr scheißegal. (Entschuldige, so sagt man bei uns.) Ziemlich früh am Tag geht sie ins Bett. Jedenfalls brennt abends kein Licht mehr. Wir könnten die Uhr nach ihr stellen.
Als sie einmal drei Tage nicht erschien, schickten wir ihr eine Schwester von der Diakonie. Und was war? Nichts Schlimmes, aber sie war schon sehr schwach, sagte die Schwester, und es sei gut, dass wir auf sie acht geben.
Sie trinkt zu wenig.
Wir wissen, dass du sie liebst. Sonst wäre sie längst tot.
Zur Zeit kann sie nicht aus dem Haus. Bitte, schick ihr heute eine Taube direkt aufs Fensterbrett. Aber ganz vorsichtig, denn sie fürchtet sich ein bisschen vor den Tauben. Am besten schickst du ihr eine mit einem Brief, mit einem Himmelsbrief im Schnabel.
Wenn es Pfingstrosen gibt, dann gibt es auch Pfingsttauben.
Mit freundlichen Grüßen: Sam und Leonie. Marktstraße 35.
PS Und bitte schimpfe mit unserem ekligen Nachbarn. Der lässt nämlich manchmal bei offenem Fenster extra laut das Lied vom Taubenvergiften laufen.

"Meine Lieben, den Brief schreibe ich euch, und ihr spielt Pfingsttauben, ja? Geht ruhig mal selber hinüber und besucht sie. Ich schreibe, weil mir eines meiner Lieblingslieder in den Sinn kommt, die Taubenpost von Schubert. Vor einigen Tagen bin ich hierher umgezogen. Heimgekommen. Mein Leben war dem Gesang gewidmet, vor allem den Liedern. Ihr habt vermutlich von mir gehört: Dietrich Fischer-Dieskau. Die Nachrufe waren voller Lobpreis. Ein Jahrhundertsänger sei ich gewesen. Ach, was ist schon ein Jahrhundert.  Ich soll euch jedenfalls ausrichten, dass ihr richtig vermutet. Die Dame von gegenüber ist Gottes Liebling. Und stellt euch vor: Ich kenne sie gut. Sie heißt eigentlich Else, aber sie nennt sich Carmen. Else-Carmen. Sie war früher an der Oper. Kammersängerin. Das ist sie immer noch. In ihrer kleinen Kammer. Ihren einzigen Auftritt hat sie jetzt morgens am Fenster. Es muss ihr schwer gefallen sein, damals, als sie aufhören musste. Irgendwann ist Zeit zum Aufhören. Und das tut immer weh. Ich weiß das aus eigener Erfahrung.

Wisst ihr, was mich an den Nachrufen gestört hat? Sie loben mich und meine Stimme. Sie loben nicht den, der mir doch meine Stimme gab, vor allem den Atem. Ich verstehe gut, dass man Gottes Geist auch den Atem nennt. Manchmal die Taube. Manchmal das Feuer. Für uns: Atem. Wie im Psalm 104, aus dem ich euch einige Zeilen lese.

Lobe den Herrn, meine Seele! / Herr, mein Gott, wie groß bist du! / Du lässt die Quellen hervorsprudeln in den Tälern, / sie eilen zwischen den Bergen dahin. / Allen Tieren des Feldes spenden sie Trank, / die Wildesel stillen ihren Durst daraus. / An den Ufern wohnen die Vögel des Himmels, / aus den Zweigen erklingt ihr Gesang.

Herr, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. / Sie alle warten auf dich, / dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein; / öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem...
(Das spielt Else-Carmen jeden Nachmittag im Park.)

Und da, das Wichtigste, zu Pfingsten:

Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört; / nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin / und kehren zurück zum Staub der Erde. / Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, / und du erneuerst das Antlitz der Erde.

Ich will dem Herrn singen, solange ich lebe, / will meinem Gott spielen, / solange ich da bin. / Lobe den Herrn, meine Seele! / Halleluja!

Aber nun waren ja nicht  biblische Psalmen meine Spezialität, sondern Lieder. Und weil ihr Else-Carmen kennt und ihre Taubengeschichte, singe ich euch die Taubenpost. Der Text ist von Johann Gabriel Seidl, die Musik von Franz Schubert. Sie sagen, dies sei sein letztes Lied gewesen. Immer gibt es ein letztes Lied, eine letzte Brezel, einen letzten Tag. Irdisch betrachtet.

Ich hab eine Brieftaub' in meinem Sold,
Die ist gar ergeben und treu,
Sie nimmt mir nie das Ziel zu kurz,
Und fliegt auch nie vorbei.

Ich sende sie viel tausendmal
Auf Kundschaft täglich hinaus,
Vorbei an manchem lieben Ort,
Bis zu der Liebsten Haus.

Dort schaut sie zum Fenster heimlich hinein,
Belauscht ihren Blick und Schritt,
Gibt meine Grüße scherzend ab
Und nimmt die ihren mit.

Kein Briefchen brauch ich zu schreiben mehr,
Die Träne selbst geb ich ihr:
Oh, sie verträgt sie sicher nicht,
Gar eifrig dient sie mir.

Bei Tag, bei Nacht, im Wachen, im Traum,
Ihr gilt das alles gleich,
Wenn sie nur wandern, wandern kann,
Dann ist sie überreich!

Sie wird nicht müd, sie wird nicht matt,
Der Weg ist stets ihr neu;
Sie braucht nicht Lockung, braucht nicht Lohn,
Die Taub' ist so mir treu.

Drum heg ich sie auch so treu an der Brust,
Versichert des schönsten Gewinns;
Sie heißt – die Sehnsucht!
Kennt ihr sie? – Die Botin treuen Sinns.

Wenn Else-Carmen wieder auf den Beinen ist, achtet einmal auf ihre Lieder. Bestimmt ist die Taubenpost dabei. Und immer: die Sehnsucht.

Nun geniesst euer junges Leben und freut euch des Atmens. Und pflegt im Herzen die kleine Taube Sehnsucht. Füttert sie mit den kleinen Krümeln eures Glaubens. Frohe Pfingsten wünscht euch euer Brieffreund im Himmel:
Dietrich

PS
Erstens soll ich euch vom Georg Kreisler - das ist der vom Lied mit dem Taubenvergiften - ausrichten, er habe persönlich nichts gegen taubenfütternde alte Damen im Park. Und er ist auch ganz nett, der Georg.Zweitens soll ich unbedingt ein Gebet von Augustinus anfügen. Immer diese Heiligen. Sie können's einfach nicht lassen.

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke,
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue,
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe,
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

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Wanda Rutkiewicz' Himmelfahrtsbrief

Hallo Theophil, heißt du wirklich Theophil? Egal.

Recht luftige Gedanken und Fragen kommen dir zum Vatertag. Sie kommen dir - und ebenso zu uns. Muttertage und Vatertage stehen zwar nicht in unserem immerwährenden Kalender, aber es ist dir ja ernst. Also vor einem Jahr, an einem herrlichen Tag wie heute, starb dein Vater beim Ausflug. Feuchtfröhlich waren sie wie alle Jahre an Himmelfahrt unterwegs, zogen ihr blumenbestecktes Bierfass auf dem Leiterwagen hinter sich her, dein Vater und seine geliebten Kegelbrüder, und hier oben auf der Kuppe, mitten im Gesang, greift er sich ans Herz und fällt tot um. Für ihn der letzte Vatertag. Doch nicht für dich.

Oft warst du inzwischen hier oben. Heute sowieso. Jahrtag! In aller Herrgottsfrühe wanderst du los zum höchsten Aussichtspunkt deiner Heimat, und wieder stellst du dir Papas Kegelclub vor. Du blickst nach oben. Wie damals blauer Himmel. Einige Wölkchen: Schönwetterwolken. Es könnte ein schöner Tag sein. Aber Himmelfahrt ist Papas Todestag. Nicht wirklich nach dem Kalender, aber auf den Tag genau in deiner Erinnerung. Unten auf dem städtischen Friedhof fällt dir nie viel ein. Das Grab ist ein Grab. Fast wie in den Osterliedern: ein leeres Grab. Leer und nichtssagend. Aber hier oben, da siehst du Papa stehen. Obwohl du damals gar nicht dabei warst. Du siehst ihn, hörst ihn singen. Zum Wohle, zum Wohle, zum Trallala. Auf die Melodie vom Jägerchor im Freischütz. Dann siehst du ihn umfallen, den Bierkrug in der Hand. Die entsetzten Gesichter seiner Kameraden. Ihre Wiederbelebungsversuche. Einer ist sogar beim Roten Kreuz. Es hilft alles nichts. Ihr fideler Kumpel ist mausetot.

Vor einigen Wochen hast du beim Aufstieg in einen dicken Baum geschnitzt: Lucky und Daddy 4-ever. Aha. Du heißt also nicht Theophil. Lucky. Kommt das nicht von Lukas?

Wieder blickst du zum Himmel. Himmelfahrt? Lieber Gott, sagst du, lieber Gott, ich singe dir jetzt zur Feier des Tages den Jägerchor mit Papas Text. Mein Gebet. Zum Wohle, zum Wohle, zum Trallala. Amen. Halleluja. Und dann ziehst du die zerknitterte Fotokopie aus der Hosentasche und liest die Geschichte vom Vatertag, wie sie in der Bibel kommt. Erzählt von deinem Namenspatron: Lukas.

Im ersten Buch, lieber Theophilus,
habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat,
bis zu dem Tag, an dem er (in den Himmel) aufgenommen wurde.
Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben.
Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, daß er lebt;vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.
Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen:
Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt.
Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft.
Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn:
Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?
Er sagte zu ihnen:
Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.
Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.
Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.
Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten:
Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?
Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde,wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.(Apostelgeschichte 1, 1-11)

Damals fast wie heute also. Hier haben sie dich zum letzten Mal gesehen, Papa, genau hier. Ich finde, du hast dir einen guten Tag zum Sterben ausgesucht. Nur für uns war's gar nicht lustig. Ach, Papa. Bist du wirklich tot? Ich meine immer, du bist mir nahe. Ich vermisse dich. Sascha meint, das wäre sowieso besser. Man sollte nicht von Toten sprechen, sondern von Vermissten. Sascha ist mein Freund. Und er ist gescheit.

Hallo, Lucky, ich bin's. Nein, nicht dein Daddy, aber eine Vermisste. Wanda Rutkiewicz. Extrem hoch oben bist du nicht, aber immerhin. 816 Meter über dem Meeresspiegel. Du willst allein sein mit dir und deinen Gefühlen. Mit dem Alleinsein wird's heute wohl nichts. Ganze Völkerwanderungen sind schon unterwegs. Aber du schaust nicht nach unten, nicht zurück. Da bist du ganz oben und blickst immer noch weiter hinauf. Was suchst du?

Immer höher, immer höher. Wie gut ich das verstehe. Sehr gut. Ich kam aus Breslau, gebürtig 1943 in Litauen. Begeisterte Bergsteigerin. Hohe Tatra. Eiger-Nordwand. Mount Everest. Als dritte Frau überhaupt. 1985 erste Frau auf dem Nanga Parbat. 1986 erste Frau ohne Sauerstoffgerät auf dem K 2. Acht Achttausender. Immer wieder stieg ich der Welt aufs Dach. Am Kantsch, am Kangchenjunga, sah mich mein Bergkamerad Carlos zum letzten Mal. Etwa 8200 Meter hoch. Ich war an jenem Tag langsamer als sonst. Carlos bemerkte es. Als er vom Gipfel abstieg, sah er mich: eingewickelt in meinem Biwaksack, in einem geschützten Schneeloch. Wie wenig ich bei mir hatte! Keinen Schlafsack, keinen Kocher, keinen Brennstoff, keine Lebensmittel. Ich war nur müde. Mir war so kalt. Carlos riet mir umzukehren. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich dachte mir, dies ist meine letzte Chance. Ich ziehe das durch. Morgen früh. Ich will es noch einmal wissen. Ich will alle 14 Gipfel der Achttausender bezwingen.

Seit jenem 12. Mai 1992 gelte ich als verschollen. Ziemlich genau seit 20 Jahren eurer Zeitrechung bin ich eine Vermisste. Tot? Folgen wir deinem klugen Freund. Das Wort "tot" macht zu. Das Wort "vermisst" macht auf. Ich war Single. Kein Ehemann, keine Kinder vermissten mich. Aber meine Freunde. Die Bergkameraden.

Zugegeben, ich war extrem. "Ich bin süchtig nach Bergen. Sie ziehen mich an wie ein Magnet. Ich muß den Tod ja nicht herausfordern. Eine komplette Ausrüstung und die entsprechende körperliche Vorbereitung sind für mich eine Selbstverständlichkeit. Ohne dass mir irgend jemand dabei hilft, muss ich auch bei schlechtesten Wetterbedingungen und bei Dunkelheit jede Schwierigkeit meistern können. Ein gewisses Risiko bleibt immer, sonst wäre es kein Abenteuer. Wenn man alles verlieren kann, spürt man das Leben erst richtig und lernt es zu schätzen ... " Meine Reden. Meine Sprüche.

Als Vermisste schreibe ich dir den Himmelsbrief. Nach euren Maßstäben war ich auf dem höchsten Punkt der Erde. Über mir: Himmel. Unter mir: die gute alte Erde. Mutter Erde. (Das wäre übrigens auch mal eine Idee für den Muttertag.) Um mich: kalte, dünne Luft. Unter den Füßen: Eis und Schnee. Und jetzt? Himmel und Himmel sind in eurer Sprache ein Wort. Eigenartig. Die Tibeter nennen den Himalaya übrigens "Chomolungma", "Göttin der Erde", und in Nepal sagen sie "Sagarmatha", "Göttin des Himmels". Zehnmal so hoch war mein Abschiedsberg im Vergleich zu deinem. Aber diese lächerlichen paar Meter: nicht der Rede wert.

Lucky, ich soll dir ausrichten, es sei schön, wie du deine Trauerzeit gestaltest. Und eines Tages gehst du froh und heiter zur Himmelfahrtswanderung. Vielleicht bist dann selbst schon Vater. Wer weiß. Diese Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt, das soll ich dir sagen, diese Zeit ist sehr wichtig. Man meint, den lieben Verstorbenen, nein: den Vermissten, noch direkt zu sehen, zu hören, zu fühlen, gleich nebenan. Bei Jesus war das 40 Tage lang ganz ähnlich. Einer seiner Jünger stieg noch tagelang auf den Berg, um den Vermissten zu fühlen. Er wollte nicht das Grab besuchen, sondern an dieser Stelle sein, wo er ihm noch lange nachgewunken hatte. Wie auch immer: Eines schönen Tages ist Himmelfahrt. Tag des Abschieds. Und du wirst sehen: dann geht es auch. Leb wohl.

Deine vermisste Brieffreundin im Himmel: Wanda

PS Gruß von deinem Daddy, und dass du ihm ja nicht das Bergsteigen anfängst...

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Himmlischer Osterbrief



Auferstehung von Abraham Karl Selig für das Haus Lebensquell

Und wieder Gold am Himmel. Und wieder Amseln. Und wieder Posaunen. Und wieder ihr. Manche weinen noch. Manche lachen schon. Ostermorgen auf dem Friedhof. Ich grüße euch. Ich, Josef von Arimathia. Aber eins nach dem andern.

Wäre uns nicht himmlische Fülle und staunenswerte Geistesgegenwart geschenkt, nichts wüssten wir von euch und wären nur weg, verschollen, jenseits, hinter den Welten. Also tot, vielleicht nicht in jeder Hinsicht. Aber in eurer Hinsicht. So aber... Wir sehen euch. Wir hören euch. Wir spüren euch. Gerade heute früh, beim Morgengang auf die Friedhöfe, die einen mit klammen Fingern an der Posaune, die anderen mit frischen Blumen, wieder andere trauerverschleiert, aber voller Erwartung. Ihr seid früh auf. Ich darf den Osterbrief schreiben, auf ein Wort im Morgenrot...

Die letzten Zeilen der Passionsgeschichte erwähnen mich, Josef von Arimathia. Ein wohlhabender Mann aus Jerusalem, Jude, Ratsherr und - heimlicher Jünger Jesu. Heimlich aus Furcht. Tapfer genug, um nach der Kreuzigung zu Pilatus zu gehen. Es ist Rüsttag, der Tag vor dem Sabbat, und es wird schon Abend. Er möge mir den Leichnam überlassen. Pilatus erlaubt es. Ich kaufe ein Leinentuch, nehme Jesus mit eigenen Händen vom Kreuz ab, wickele ihn in das Tuch und bette ihn in unser neues Familiengrab. Ich hatte es selbst in einen Felsen hauen lassen. Ich wälze einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und gehe weg. Das ist für heute mal alles. Alles, was mich betrifft.

Ich schreibe euch und finde kaum ein Ende. Ich schreibe eigentlich tausendmal dasselbe, immer dasselbe. Ich schreibe und schreibe: Halleluja. Ich singe es euch ins Herz auf alte Melodien. Ich weiß sogar Worte dazu. Ich singe euch ein Osterlied, ausgerechnet von einem mit einem Sprachfehler, Notker Balbulus, dem "Stammler", wie er sich selber nannte. "Stammelnd, zahnlos und deshalb mit der Zunge anstossend, damit ich es treffender sage, ein halber Plapperer.“ Notker lebte in der Schweiz, nach eurer Zeitrechnung von 840 bis 912. Fast noch als Kind wurde er Mönch im Benedikinerkloster von Sankt Gallen, arbeitete dort als Lehrer und Bibliothekar, als Gelehrter, Komponist und Dichter. Ihm verdanke ich übrigens, dass ich euch nicht nur Halleluja singe, mit einem nimmer aufhören wollenden, jubelnden "a" am Ende, dem Jubilus, wie das Musikgelehrte nennen. Notker, der dieser Tage in Sankt Gallen gefeiert wird zu seinem runden Sterbetag - aber was sind schon 1100 Jahre - , Notker also hatte damals die geniale Idee, das Singen des Halleluja-a-a-a-a-a zu erleichtern, indem man Wörter unterlegt. Eigentlich nur als Merkhilfe für die Noten. Sein Lied - Paul von Winterfeld hat es für euch übersetzt; das ist nun freilich keine Halluja-Variation sondern ein Osterhymnus - geht so:

Dem aus Grabesnacht / Auferstandnen Heiland huldigt die Natur:
Blum und Saatgefild / Sind erwacht zu neuem Leben;
Der Vögel Chor / Nach des Winters Rauhreif singt sein Jubellied.
Heller strahlen nun / Mond und Sonne, die des Heilands Tod verstört,
Und im frischen Grün / Preist die Erde den Erstandnen,
Die, als er starb, / Dumpf erbebend ihrem Einsturz nahe schien.

Natürlich singe ich nicht allein, denn vielstimmig sind wir, und vielstimmig geht es auch auf den Friedhöfen zu, nicht nur heute früh. Kaum jemand besucht ein Felsengrab. Nur einige konnten extra nach Jerusalem reisen. Ich sehe eure vielen Gräber, noble und armselige Gräber, bunte blumenbeplanzte auf Kirchhöfen, fast namenlose in Friedwäldern. Kindergräber mit Gipsengeln und Plastikblümchen in allen Bonbonfarben. Schließfachgräber mit Urnen. Kriegsgräber, endlos in Reih und Glied. Und unvergesslich: jene Frau. Schweigend hockt sie auf der Erde, am Strand von Sumatra nach dem schrecklichen Tsunami 2004. Sie hat die Hände gefaltet, wie es auch bei Buddhisten der Brauch ist. Unvergessen auch die bekümmerte Familie, wie sie ihren ältesten Sohn im Meer vor Rügen beisetzen lassen.

Nach dem Posaunenchor - es ist immer noch ziemlich frisch, also kalt - liest die Lektorin aus der Bibel vor: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sei; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe ich mache alle neu." (Offb  21,1.3-5)

Und da fällt mir eine echte Bilderbuch-Oma auf, die ihre Enkelkinder zum Friedhofsbesuch am frühen Ostermorgen aus den Federn geholt hat. "Erst singen wir, aber dann! Der Osterhase war bestimmt schon an Opas Grab..." Und wie sie da laufen, die beiden, fast wie Johannes und Petrus im Evangelium, nur nicht ganz so fromm. Und die Oma hinterher. Tatsächlich: zwischen Stiefmütterchen und Primeln ein Nest mit Süßigkeiten und Selbstgebackenem. Wenn die Omas nicht wären.

Und ich freue mich für die Musikanten, die sich jetzt bei einer Tasse Kaffe aufwärmen. Dazu bekommen sie Osterbrot mit Mandeln und Rosinen, frisch nach Hefe duftend. Ich höre ihnen zu, wie sie sich beim Friedhofsbummel noch einige Inschriften vorlesen. Zum Beispiel: "Die wir geliebt und die uns sterben, / sind nicht mehr an dem Ort, / wo sie lebten und wirkten - / aber sie sind überall, / wo wir sind." (Augustinus) Oder hier, kurz und bündig: "Danke!" Oder da, der schöne Vers von Eichendorff: "Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande / als flöge sie nach Haus."

Inzwischen ist es Tag. Ostern. Worte. Klänge. Melodien. Amseln. Kirchenglocken. Frühstück... Es wird heller. Es wird wärmer. Mein Ostermorgenbrief flattert noch ein paar Stunden über den Friedhof. Ich weiß, manch einer ist noch nicht so weit. Trauern braucht Zeit, ich weiß. Aber dieser Morgen ist ein Versprechen. Das größte Versprechen aller Welt.

Mit kräftigem Halleluja grüßt euch
euer Brieffreund im Himmel: Josef

Wenn ihr Zeit und Lust habt, reicht es vielleicht noch für ein Gedicht meiner Freundin aus Österreich, Christine Busta (1915-1987):

Im Garten Josephs von Arimathia

Tritt leise ein, der Garten ist voll Schlaf,
wir haben unsre Hoffnung hier begraben.
Kein Lufthauch wagt, den Felsen zu berühren,
am Stein der Wächter ist das Licht aus Erz.

Geh ohne Schuh, der bloße Fuß nur spürt,
wie sanft das Gras drängt, daß sich in der Erde
der starre Keim schon löst und eine Blume
im bittern Schlaf unsichtbar aufwärts schwebt.

Erschrick nicht, wenn der Dornstrauch sich bewegt,
die Wächter stieren blind auf ihre Lanzen.
Den Gärtner wird kein Vogelruf verraten,
so still und früh ist er schon unterwegs.

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Meister Eckharts Himmelsbrief zur Fastenzeit

Hallo Himmel! Wir sind die wilden Fünf, die schrecklichste Konfi-Gruppe des Jahres. Jens, unser Pfarrer, nennt uns schräg, aber topp. Am Sonntag dürfen - und sollen und wollen - wir ein Anspiel zum Evangelium aufführen. Auf eigene Texte. Nach eigener Idee. Nur einmal vorher durchlesen will es Jens. Keine Zensur, sagt er, aber besser so. Na ja. Wir haben zwei Fassungen, eine ziemlich krasse und eine eher lahme, aber sie hat was. Frage: Welche findet ihr besser? Für eine klare Antwort dankt schon mal heiß und innig: die Konfirmandengruppe Ninive, genannt die Wilden Fünf.

"Pünktlich bekommt ihr euren Himmelsbrief. Die Antwort kommt von mir, dem sogenannten "Meister" Eckhart, einem Mystiker des Mittelalters, nach irdischer Zeitrechnung 1260–1328. Jedenfalls hat euch das Evangelium in Fahrt gebracht, das merkt man. Für alle, die jetzt mitlesen, hier der Text in der Version, die ihr euch ausgesucht habt. (Respekt, Respekt. Ihr habt sogar mehrere Übersetzungen verglichen. Wirklich topp.) Wir sind im Johannesevangelium, im 2. Kapitel. Es handelt sich um die Verse 13 bis 17:

Als das Passafest näher kam, ging Jesus hinauf nach Jerusalem. Im Vorhof des Tempels sah er die Händler, die dort Rinder, Schafe und Tauben verkauften; auch die Geldwechsler saßen dort an ihren Tischen. Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle aus dem Tempelbezirk, mitsamt ihren Rindern und Schafen. Er fegte das Geld der Wechsler zu Boden und warf ihre Tische um. Den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das hier weg! Macht aus dem Haus meines Vaters keine Markthalle!« Seinen Jüngern kam das Wort aus den Heiligen Schriften in den Sinn: »Die Liebe zu deinem Haus wird mich noch umbringen.«

Auf den ersten Blick spricht mich eure "krasse" Idee an. Ob aber euer Pfarrer grünes Licht gibt? Ihr werdet Ärger bekommen. Auf dem Kirchplatz schreibt ihr mit Kreide auf den Asphalt: "Hier geht's zur Markthalle, in Klammern Räuberhöhle." Zu Beginn des Anspiels brüllt ihr als Sprechchor Worte des Propheten Amos: "Ich hasse eure Feste, ich kann eure Feiern nicht riechen, eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen, euer Harfenspiel nicht hören." Dann geht's erst richtig los. Ihr marschiert zum Schriftenstand und macht Ramba Zamba. Sollten bis dahin noch Kirchenbesucher geblieben sein - denn vielleicht flieht die erschreckte Gemeinde und hält euch für islamistische Terroristen - , dann endlich wird das Evangelium vorgelesen. Dazu wird im Hintergrund getrommelt. Wie gesagt: Ich finde eure Idee interessant und aufregend. Nur die Aktion am Schriftenstand nicht. Denn da finden sich manche beherzigenswerte Texte und Gebete. Meint ihr wirklich, dem Willen Jesu zu entsprechen, wenn ihr den Schriftenstand demoliert?

Ich habe selber mal über die Geschichte der Tempelreinigung gepredigt. Dabei ging es mir nicht um den konkreten Tempel in Jerusalem zur Zeit Jesu. Mir ging es - um dein Herz. Der Tempel, den Jesus reinigte, das ist nämlich unser Herz. Dort gibt es das alles, die Angst und die Antwort darauf: die Machtgier, die Geldgier, der Untertanengeist, die Abhängigkeit. Es gibt darin aber auch die Sehnsucht nach Freiheit, den Mut zu leben, das Glück der Menschlichkeit und die Kraft der Liebe. Das wollte ich den Menschen sagen. Und deshalb gefällt mir eure zweite Idee viel besser. Ja, die hat was.

Ihr verkleidet euch als Putzfrauen und Putzmänner und beginnt, den Boden zu schrubben. Dann teilt ihr euch auf. Mit dem Staubwedel hinterm Altar. Mit dem Besen unter den Sitzbänken. Einer macht den Fensterputzer. Und eine von euch tritt in die Mitte und erzählt aus ihrem Alltag. Sie ist die Reinemachefrau der Kirche, sagt sie, und sie macht das ehrenamtlich. Saubermachen sei zwar anstrengend, sagt sie, aber auch schön. Es sammelt sich so viel Schmutz an, so viel Müll, es kann sich Schimmel bilden. Es sei wie in deinem Leben, sagt sie. Ab und zu ausmisten, das muss einfach sein. Sie nimmt die Geschichte wörtlich, sagt sie. Tempelreinigung. Kirchenputz. Klar. Es geht aber um mehr, sagt sie und gibt ihrer Freundin das Wort.

Ich bin Tante Emma, sagt diese, ich bin die Verkäuferin vom Laden gegenüber. Bei mir habt ihr Zahnpasta und Lutschbonbons, Grablichter und Rasierwasser geholt. Zu mir kam jeden Tag die alte Frau Steiger mit dem Gehwagen, setzte sich in die Nähe der Kasse und erzählte. Ich hörte ihr zu, während ich die Regale einräumte. Frau Steiger hat sonst niemand. Wie ihr wisst, haben sie unsere Filiale jetzt geschlossen. Wir hätten kein Erlebnismarketing, was immer das sein soll. Kunden hätten woanders schicker einkaufen können. Heller sei es dort, freundlicher. Aber das Gesicht von Frau Steiger wurde bei mir im Laden heller. Und darauf kommt es an. Wenn ihr jetzt die Geschichte von der Tempelreinigung hört, sagt Tante Emma, und wenn ihr euch die Szene ausmalt, dann vergesst nie: Jesus ging es nicht um Äußerlichkeiten. Ihm ging es: um unser Herz. Deshalb störte ihn die Geschäftemacherei im Tempel. Er sah unser Herz, unsere Seele in Gefahr.

In meiner Predigt - vor Jahrhunderten - sagte ich es so: Mit seiner Tempelreinigung meinte Jesus, "dass er den Tempel leer haben wollte, recht als ob er hätte sagen wollen: Ich habe das Recht auf diesen Tempel und will allein darin sein und die Herrschaft darin haben. Was will das besagen? Dieser Tempel, darin Gott gewaltig herrschen will, das ist des Menschen Seele, die er so recht als ihm gleich geschaffen hat.“ Wenn ihr am Sonntag spielt, so spielt das Spiel der Liebe Gottes. Spielt das Spiel der befreiten Herzen. Spielt die Tempelreinigung in der "eher lahmen" Version, als inneren Weg zu Gott. Ich weiß nicht, ob ihr mich versteht. Jahrhunderte liegen zwischen uns. Meine Sprache ist nicht eure Sprache. Und dennoch...

"Seht, dies sollt ihr fürwahr wissen: Will jemand anders in dem Tempel, das ist in der Seele, reden als Jesus allein, so schweigt Jesus, als sei er nicht daheim, und er ist auch nicht daheim in der Seele, denn sie hat fremde Gäste, mit denen sie redet. Soll aber Jesus in der Seele reden, so muß sie allein sein und muss selbst schweigen, wenn sie Jesus reden hören soll. Nun denn, so geht er hinein und beginnt zu sprechen." Heute verstehe ich meine eigene Predigt auch so: Als eure Tante Emma dieser Kundin, die vermutlich kaum Umsatz machte, zuhörte, da nahm sie nicht fremde Gäste auf. Da nahm sie Jesus auf. Wen denn sonst.

Ob so oder so: Ich bin entzückt über eure blühende Fantasie. Schön, dass euer Pfarrer euch so viel zutraut. Wunderbar, wie ihr das Evangelium einfach auf euch wirken lasst, mit euren eigenen Augen lest und mit eurer eigenen Fantasie ausmalt.

Euer Brieffreund im Himmel: Eckhardt(Und bitte, nennt mich nicht Meister.)

Merke 1: Alle Kreaturen sind ein Fussstapfen Gottes.
Merke 2: Gott ist überall in der Seele und sie ist in ihm überall; also ist Gott ein All, und sie mit ihm ein Alles in Allem.
Merke 3: Dass Gott in Ruhe ist, das bringt alle Dinge zum Laufen. Etwas ist so lustvoll, das bringt alle Dinge zum Laufen, dass sie zurückkommen in das, von dem sie gekommen sind, und das doch unbeweglich in sich selber bleibt, und auf je höherer Stufe ein Ding ist, um so lustvoller läuft es.

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Februar 2012: Zum Tag des geweihten Lebens

Ein junger Jude kommt zu einem Rabbi und sagt: Ich möchte gerne zu dir kommen und dein Jünger werden.
Da antwortete der Rabbi: Gut, das kannst du, aber ich habe eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten. Liebst du Gott?
Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er: Eigentlich, lieben das kann ich nicht behaupten.
Der Rabbi sagte freundlich: Gut, wenn du Gott nicht liebst, hast du Sehnsucht danach, ihn zu lieben!
Der Schüler überlegte eine Weile und erklärte dann: Manchmal spüre ich die Sehnsucht danach, ihn zu lieben, recht deutlich, aber meistens habe ich so viel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.
Da zögerte der Rabbi und sagte dann: Wenn du die Sehnsucht Gott zu lieben, nicht deutlich verspürst, hast du denn Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?
Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf, und er sagt: Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.
Der Rabbi entgegnete: Das genügt. Du bist auf dem Weg!

Steig in das Boot deiner Sehnsucht ein.
Jesus hat für dich einen Platz reserviert.
Fühlst du dich angesprochen?
Du bist angesprochen!
Fühlst du dich eingeladen?
Du bist eingeladen!
Bewegt es dich Ja zu sagen?
Jesus hat schon Ja zu dir gesagt!

Im Evangelium vom 2. Februar wird erzählt, wie Jesus von den Menschen sehnsüchtig erwartet wird. Und wie groß war die Freude, als sie Jesus als den Messias erkannten!
Immer wieder spüre ich diese Sehnsucht auch in mir. Diese Sehnsucht lässt mich aufbrechen und weitergehen. Immer wieder.
Das geweihte Leben ist für mich eine Form sich mit anderen auf die Suche zu machen mit dem Wissen, nicht ganz allein zu sein. Und doch den eigenen Weg zu gehen.
Geweihtes Leben heisst für mich, das Gott geben was ich bin und was ich habe- ganz und kompromisslos.
Ich darf IHM meine Sehnsucht geben und meine Fragen des Lebens stellen, auch mit der Gefahr keine Antwort darauf zu finden.
Aber es lässt mich losgehen und leben! Ganz!
Sr. Johanna



Hanna und Simeon von Raul Castro
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Elis Himmelsbrief zum Sonntag, 15 Januar 2012

Guten Morgen, Zeit zum Aufstehen. Hallo!! Aufstehen!!! Du willst nicht? Übrigens: Du solltest mal lüften. O-Ton deiner Mutter. Ich aber schreibe dir nicht im Namen deiner Frau Mama. Ich schreibe sanft und sachte, einen Himmelsbrief für junge Ausschläfer. Ich: der olle Eli, einst israelitischer Tempelpriester im Heiligtum von Silo. Gut dreitausend Jahre ist das her, historisch gerechnet. Aber es heißt ja: Uns Himmlischen sind tausend Jahre wie ein Tag. Mindestens.

Was ich dir schreibe - also antworte - mein Lieber, empfängst du im Schlaf. Dass ich dir antworte - worauf eigentlich? - kommt so: Ich kann dich in deinen Träumen besuchen. Da bist du immer auf Empfang. Und da hast du mitten in der Nacht gebetet. Im Halbschlaf. So auf deine Art. Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf, heißt es. Ich weiß deinen Namen nicht, aber ich nenne dich: Samuel. So kann ich gut anknüpfen...

Samuel, lass dir von mir gut zureden. Beginnen will ich mit meiner Geschichte, einer Episode. In manchen Kirchen wird sie heute vorgelesen. Aus dem Ersten Buch des Samuel Kapitel 3.

Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört... Samuel wuchs heran und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt.

Ich wollte, ich könnte heute Mäuschen spielen, Kirchenmäuschen, und könnte einer Predigt zuhören. Vermutlich geht es um Berufung. Vielleicht um Träume und Visionen. Und natürlich geht es um jenen Samuel, den wachen Schläfer. Und ich möchte wetten, dass ich, der olle Eli, gelobt werde, weil ich den Jungen lehrte, auf Gott zu hören. Mitten in der Nacht. Dass sei ein kluges Erziehungskonzept, sagen sie dann, einen jungen Menschen auf seine innere Stimme - also doch wohl auf Gottes Stimme - aufmerksam zu machen. Der Lehrer nimmt sich zurück. Die Mutter nimmt sich zurück. Der Vater nimmt sich zurück. (Nun mach' nicht so ein Gesicht. Dass dir deine Mutter gewaltig auf den Keks geht, ist bekannt.)

Kaum einer weiß, was ich dir jetzt verrate: Mein Samuel hat sich nicht wirklich geirrt. Es war tatsächlich meine Stimme. Er kannte sie sehr gut. Ich rufe. Er hört. Ich rufe. Er steht auf. Ich rufe. Er versteht. Er erkennt meine Stimme. Und hört mehr. Viel viel mehr. Samuel hört Gott. Er hört Gott in meiner Stimme. Und ich, der olle Eli, ich bin selber ganz baff. Als höre ich mich sprechen, was gar nicht aus mir kommt. Wunder über Wunder.

Täusche ich mich? Ich bin alt. Der olle Eli. Israelitischer Tempelpriester in Silo. Samuel, etwa in deinem Alter, war mein Schüler, mein Lehrling. Hanna, seine Mutter, hatte ihn mir zur Erziehung anvertraut. Vor vielen Jahren hörte ich sie beten, innig, laut, verzweifelt, hoffnungsvoll. Immer wieder kam sie in den Tempel, kinderlos. Das war ihre Not. Und ihr großer Wunsch. Ein Kind. Wenn ich noch ein Kind bekomme, sagte sie, dann soll es Gott geweiht sein.

Es war nicht nur eine Zeit, als Worte des Herrn und Visionen selten waren. Es war die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat.

Wie auch immer, ich bin in jener Nacht Samuels Wecker vom Dienst. Ich, der olle Eli mit den schwachen Augen, fast blind schon. Meine eigenen Söhne Hophni und Pincha waren in einem schwierigen Alter. Ich rede nicht gern davon. Es wird schlimm ausgehen. Ziemlich daneben waren sie. Aber das ist eine andere Geschichte. Papas Kummer mit den Herren Söhnen. Auch beim Tempelpriester kann das vorkommen. Vielleicht gerade dann, sagen manche. Je frömmer der Alte, desto... - ach, lassen wir das. Meine Söhne sollen dich nicht bekümmern, denn ich schreibe dir ja einen Himmelsbrief. Einen Brief aus der Herrlichkeit. Einen Brief aus der Erlösung. Wie sollte so ein Brief ärgerlich oder traurig stimmen. Himmelsbriefe wollen trösten, ermuntern, starkmachen. Ermuntern, aufmuntern, liebe Schlafmütze, hörst du?

Oh Samuel. Du bist immer noch im Halbschlaf. Sonntag heißt für dich: Ausschlafen! Wenigstens heute. War es gestern spät? Schau, das interessiert uns nicht. Du schnarchst und drehst dich noch einmal herum. Mama hat schon Musik laufen. Sie lässt dich in Ruhe, wenigstens heute. Weshalb ich dir antworte? Du hast nicht gebetet, sagst du. Nicht heute früh. Nicht gestern vor dem Schlafengehen. Überhaupt fast nie. Selten jedenfalls. Sehr selten. Morgenstund’ hat Gold im Mund, sagt Mama. Sie war schon joggen. Das ist nicht so dein Ding.

Man müsste vielleicht einen Boy's Day einführen. Die meisten Mädels in deiner Klasse sind auf der Überholspur. Sie machen das Abitur und werden studieren. Fachkräfte sind gefragt. Und ihr Jungs? Die neuen Looser? Rückzug? Hyperaktivität? Aggressivität? Probleme auf dem Arbeitsmarkt? Gesundheitlich schlechter drauf als Mädchen? Schau dir deine Mutter an. Fit. Sogar die Oma hat sich zu Weihnachten einen Heimtrainer gewünscht. Und du? Weichei, sagt die Mutter, sagt die Oma. Nein, sie denken es nur. Sie sind halt etwas enttäuscht. Vielleicht geben sie dich ins Internat, so wie Hanna den Samuel zu mir in den Tempel gab. Vorher aber wenigstens mal in die Familienberatung. Mutter-Sohn-Beratung. Mama ist keine Rabenmutter, aber eine Übermutter, sagst du dir. Deshalb schläfst du aus. Keine Gymnastik, kein Frühstück. Und du hasst Dinkelflockenmüsli und Tofu-Frikadellen.

Und, was wird mal aus dir werden? Tagsüber wirkst du in der Tat einfallslos, vor der Zeit gealtert. Nach außen ein Vorzeige-Null-Bock. Und innen? Wenn das die Mutter wüsste. Du träumst - klar, auch von der Traumfrau und so - aber ganz erstaunlich: du träumst von Gott. Von einer wunderbaren Berufung. Von einem großen Weg. Von deinen vielen Gaben. Von deinen Herzenswünschen. Nicht vom Geld oder nach Art einer Karriere. Du wirst groß sein. Weil Gott es gut mit dir meint. Hätte er dich sonst erschaffen? Also: wach auf und schau dir deine Träume an!

Ich wünsche dir: erfahrene Begleiter und Vorbilder. Vielleicht einen Weisen. Ich wünsche dir Menschen, die es redlich mit dir meinen und mit Gottes Stimme zu dir sprechen. Ich wünsche dir, dass du erwachst, aufstehst und deine Träume ernst nimmst, deine Visionen, deine Wünsche, deine Berufung. Lass Mama joggen. Lass der Oma ihren Heimtrainer. Glaub mir: wenn du auf deinem Weg bist, wirklich auf deinem eigenen Weg, dann wirst du auch wieder gern aufstehen, so wie damals, als Kind, wo jeder neue Tag wie eine Wundertüte war, oder wie am Morgen vor dem Ausflug, als du längst schon wach warst und der gepackte Rucksack vergnügt vor deinem Bett stand.

So möge dein Leben sein. So wird dein Leben sein. Woher ich das weiß? Ich kenne deine Träume. 

Dein Brieffreund im Himmel, der olle Eli  

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Weihnachten 2011 - ER ist der Messias, der Herr



Verkündigungsengel von Raul Castro


Kind in der Krippe von Raul Castro

In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie.
Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen:
"Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen:
Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.
Lukas 2,8-14

Mitten in der Nacht der Welt offenbart sich Gott, durchbricht die Dunkelheit, schenkt den Menschen Licht und Heil.
Es geschieht im Kleinen  auf dem Feld, nicht in den Metropolen der Stadt.
Hirten wird die Botschaft verkündet - den Kleinen und Schwachen, nicht den Mächtigen und Herrschern.
Gott wird Mensch - wird ein Kind! Dieses Kind - Jesus - bringt den Frieden in die Welt, in unsere Welt hinein.
Seine Macht, Seine Liebe ist nicht stark und gewaltig, überwältigt nicht alles Unrecht und Unheil dieser Welt.
Seine ohnmächtige Liebe durchdringt die Herzen, die sich Ihm öffnen, schenkt Frieden und Heil - mitten in allem Unheil dieser Welt.

Auch heute geschieht dieses Geheimnis der Menschwerdung nicht im Großen.
Sie geschieht da, wo Menschen mitten in ihrer Not, mitten in der Dunkelheit dieser Welt ihr Herz ausrichten auf die Verheißung Gottes.
Ihnen wird verkündet, dass Gott Sein Volk nicht im Stich lässt, dass ER selbst kommt, um Frieden und Gerechtigkeit zu bringen.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine gesegnete, heilvolle und friedvolle Heilige Nacht.
Möge Sein Licht 2012 durch Sie und viele Menschen hineinleuchten in diese Welt.
Möge Seine Liebe unsere Herzen wandeln!

Sr. M. Dorothea Thomalla

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"Jesus segnet die Kinder" von Raul Castro
November 2011 Allerheiligen

Wir feierten das Hochfest Allerheiligen, für mich immer ein ganz besonderes Fest im Kirchenjahr.
Alle Heiligen – unzählig viele – bekannte und unbekannte – Männer und Frauen – Missionare und Mystiker - … und …

Warum sind sie heilig?  

HEILIG, darin entdecke ich das Wort HEIL, etwas im Leben dieser Menschen ist heil geworden.
Sie haben ihr Leben in das Licht Gottes hinein gestellt und durften selber zum Licht werden.
Sie haben ihr Licht der Zeit und Welt geschenkt, in die sie hinein geboren waren.
Sich von Gott beschenken lassen und an andere weiter schenken - dieser Rhythmus hat nie aufgehört.
So gibt es sie doch auch heute, die Heiligen, die lichterfüllten Menschen, die ihr Leben zum Heil werden lassen.  

Kennen Sie das auch?
Da gibt es Menschen in meinem Leben, in meiner Umgebung, die ein Lächeln in mein Gesicht zaubern, wenn ich an sie denke.
Durch ihr Sein bringen sie etwas in meinem Leben ins Heil.
Ich habe das Glück, schon vielen Heiligen begegnet zu sein!

Das wünsche ich Ihnen auch.

Sr. M. Magdalena Dilger

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Himmelsbrief zum Fest des hl. Augustinus am 28. August

Bittgebete mitten in der Nacht, Seufzer der Ruhelosen, die wach und wund liegen. "Ich kann nicht schlafen. Ich kann einfach nicht schlafen. Himmel, hilf!"

Ähnlich klagen manche über ihre innere Unruhe. "Was habe ich nicht alles schon ausprobiert. Nur eine liebe kleine Zigarette, noch spät ein dunkles Bier. Nicht einmal das einschläfernde Fernsehprogramm entspannt. Baldrian, Johanniskraut, Arnika? Fehlanzeige Tiefe Bauchatmung, autogenes Training, progressive Muskelentspannung? Gesund ist das gewiss, aber meine Unruhe blieb."

Enttäuschte Klagelieder wie seelische Ansichtskarten. Aus Lourdes mit den Maltesern unter dem Motto "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir!" Stille Tage im  Prämonstratenserkloster Windberg. Oder einfach mal weg auf dem Jakobsweg. Geblieben war - die Unruhe! "Ob das jemals gut wird? Himmel, hilf!"

Schreib, sagen sie mir einstimmig, schreib du, Augustinus. Es ist ja dein berühmtes Wort, das Wort vom unruhigen Herzen. Schreib ihnen, den Ruhelosen. Schreib: Das wird nicht gut. Das ist gut!

So schreibe ich euch. Ich, Augustinus (354-430). Doch ich schreibe nicht allein. Dabei könnte ich glänzend schreiben, viel schreiben, mich zitieren und wiederholen. Ich könnte dir das Ideal der Ruhe ausmalen. Ich könnte eure Unruhe als eine der großen menschlichen Schwächen und Unvollkommenheiten beschreiben. Ich könnte eurer Sehnsucht noch eins draufgeben: Gott ist die Ruhe - also quäle dich nicht mit deiner Unruhe. Ich könnte so schreiben - und hätte keinem geholfen. Denn mit der Unruhe ist es so: Sie ist menschlich. Sie ist Leben. Solange ihr in der Zeit lebt, wo denn sonst. solange ist Unruhe euer Wesen. Unruhe ist das Herz jeder klassischen Uhr.

Du hast recht, Augustinus, sagt mir ein befreundeter Philosoph, Gabriel Marcel: „Unruhig sein heißt, seinen Mittelpunkt suchen.“ Du hast recht, Augustinus, sagt mir der gute Dichter Walter Helmut Fritz, der gerade erst wieder Geburtstag hatte:

Nicht einwilligen.
Damit uns eine Hoffnung bleibt.

Mit den Dämonen
rechnen.

Die Ausdauer bitten,
sie möge mit uns leben.

Die Zuverlässigkeit der Unruhe
nicht vergessen.

Was für eine wunderschön kluge Formel: Die Zuverlässigkeit der Unruhe nicht vergessen.

Ich, Augustinus, begann damals meine berühmteste Schrift, die Confessiones (Bekenntnisse) so: "Groß bist du, o Herr, und deines Lobes ist kein Ende; groß ist die Fülle deiner Kraft, und deine Weisheit ist unermesslich. Und loben will dich der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung; der Mensch, der sich unter der Last der Sterblichkeit beugt, dem Zeugnis seiner Sünde, einem Zeugnis, dass du den Hoffärtigen widerstehest; und doch will dich loben der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung. Du schaffest, dass er mit Freuden dich preise, denn zu deinem Eigentum erschufst du uns und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir... " Und dann: " Loben werden den Herrn, die ihn suchen. Die ihn aber suchen, werden ihn finden, und die ihn finden, werden ihn loben. Ich will dich suchen, o Herr, im Gebet, und ich werde dich anrufen im Glauben: denn du bist uns verkündiget worden. Mein Glaube, den du mir gegeben, o Herr, ruft dich an, mein Glaube, den du mir einhauchtest durch die Menschwerdung deines Sohnes durch die Vermittlung deines Predigers..."

Eure Unruhe ist keine Krankheit. Eure Unruhe ist kein Laster. Eure Unruhe ist gut. Sie beweist, dass ihr lebendig seid. Und dass ihr mehr vom Leben erhofft: alles. Gott. Daher schreibe ich euch nicht allein. Eine der starken unruhigen Seelen, eine der tapferen und geradlinigen Frauen im Widerstand gegen die Nazis, Sophie Scholl, zeigt mir einen Abschnitt aus ihren damaligen Tagebuch:

„Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Samen nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den sie so oft nicht mehr sehen will. Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, ‘Du’, rufe ich, wenn ich auch nichts von Dir weiß, als dass in dir allein mein Heil ist, wende Dich nicht von mir, wenn ich Dein Pochen nicht höre, öffne doch mein taubes Herz, mein taubes Herz, gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendig ist in Dir. O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich!“ (Tagebuch 15.07.1942).

Das dünkt mich bekannt. Über meine Biografie kannst du anderswo reichlich nachlesen. Deine und meine Unruhe aber: Sie ist gut. Halte sie dir lebendig, auch wenn sie manche Stunde Schlaf kostet.

Dein Brieffreund im Himmel, Augustinus





Juli 2011: Fest der heiligen Anna und Joachim am 26. Juli

 Die Heilige Schrift erzählt nichts von der Heiligen Anna. Erst in späteren Texten taucht ihr Name auf.
Aber gläubige Menschen haben wohl von Anfang an intuitiv gespürt:
Wenn es wirklich wahr ist, was wir glauben, dass nämlich Gott selbst in Jesus Christus Mensch wird, dann wird dieser Jesus nicht nur eine ganz besondere Mutter, sondern auch ganz besondere Großeltern gehabt haben.  

Heilige Menschen, die in ihrem Hören auf Gott und in ihrem Versuch, das Leben in tiefer Verbindung mit ihm und nach seinen Geboten zu gestalten, Christus den Weg in die Welt bereitet haben.
Die Menschwerdung Jesu hat weit reichende, tiefe und heilige Wurzeln. Dafür stehen die heiligen Großeltern Anna und Joachim.  

Der Blick auf die Großmutter Anna sagt uns:
Nichts von dem, was wir an Glaube, Hoffnung und Liebe investieren, geht verloren. Gott hat viele Wege, um Menschen zu erreichen. Wir sind angefragt, unseren Glauben zu leben und ihn weiterzugeben. Was daraus wird, dürfen wir getrost Gott überlassen.
Und noch etwas sagt mir der Blick auf die betagte Anna: Auch meine Lebens- und Glaubenswurzeln reichen weit zurück. Ich darf froh und dankbar sein für alle Menschen, die vor mir den Glauben gelebt und weiter gegeben haben.
Wer weiß, wem ich es mit verdanke, dass ich zu Gott gefunden habe und heute noch bei ihm sein darf! (P. Cornelius Bohl ofm)  

Sowohl für die Hl. Mutter Anna, als auch für Jesus war das vertrauende Gebet auf Gottes Schutz und Begleitung aus dem Gebetsschatz der Psalmen vertraut.
Und bis in die heutige Zeit kann uns das Beten mit den Psalmen helfen, unser Leben immer wieder neu auf Gott hin auszurichten.
Vielleicht kann uns Heutigen folgendes Gebet, entnommen aus dem Psalm 90, begleiten für das eigene Leben und den Alltag, in den wir hinein gestellt sind: 


Gott du hast Zeit und Raum geschaffen und stellst uns Menschen in diese Welt.
Jeder Morgen, von dir geschenkt; vor uns ein neuer Tag.
Lass mich jeden Tag neu in seiner Einmaligkeit erleben, achtsam sorgen für das Kleine.  
Jeder Abend geschenkter Tag, vor uns die Nacht lassen und spüren.
Lass mich jeden Abend neu die Endlichkeit erahnen – mein Tun und Sein in die Hände geben,
lass mich wachsam sein für die Einmaligkeit meiner  Tage.  
Lehre mich jeden Tag zu zählen,
Lehre mich die Kostbarkeit des Lebens
.
(Andrea Schwarz)



Anna Selbdritt ca. 1480 St.Antoniuskirche Hanselaer
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Ostern 2011: Die Lebensmacht des Auferstandenen behütet uns.....



Osterkerze Kirche St. Gallus

 Die Osterkerze in unseren Kirchen ist ein wichtiges Symbol für Christus, den Auferstandenen.
Sie will uns sinnenfällig vor Augen führen,wie es um die Auferstehungswirklichkeit von uns Christen bestellt ist.
Feierlich wird die Christuskerze am jungfräulichen Feuer geweiht und entzündet. Wie ein vornehmer Ehrengast wenden sich ihr alle zu.  Allen gibt sie von ihrem Licht ab, erhellt die dunkle Kirche und das Leben von einem jeden von uns.
Sie wird im Altarraum auf einem besonderen Leuchter wie auf einem Thron"inthronisiert". Sie ist keine kreativ gestaltete Kerze.
Ihre Zeichen folgen wie beim Ikonenmalen einem strengen Reglement, damit die Symbolik zum Herzen der Menschen sprechen kann.
Da ist das Kreuz mit seinem Längs- und Querbalken und dem Alpha und Omega darüber und darunter.
Die Worte bei der Kerzenweihe am nächtlichen Feuer deuten es:
Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega.
Wir geben dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn unser Gestern und Heute und Morgen in sein siegreiches Leben. Wir legen hinein unsere Niederlagen und Enttäuschungen, unser Mißtrauen und unser Versagen, alle "Mächtigkeiten" des alten Menschen. Er ist der lebendige Sieg. Er ist das siegende Leben, - von Anfang bis zum Ende, von A bis Z. Vor Ihm ist und war nichts.
Wenn wir am Ende sind, ist immer noch Er.
Neben den leuchtendroten Kreuzbalken stehen die Zahlen dieses Jahres, in dem wir gerade leben: 2011.
Und die Worte deuten es:
Sein ist die Zeit und die Ewigkeit.
Sein ist die Macht und die Herrlichkeit.
In alle Ewigkeit.
Amen.
Die Zeit zum Leben ist uns von Ihm geschenkt. Für manche ist es anstrengende Zeit, kräftezehrende Zeit, nervenverbrauchende Zeit. Einmal soll sie sich in seiner nie endenden Ewigkeit und dem Auferstehungsjubel vollenden.
Was hat nicht alles Macht über uns? Arbeitswelt und Druck im Betrieb, der Geld-und Finanzmarkt, Naturgewalten und technische Pannen ( bis hin zu Reaktorunfällen).
Auch die Meinung der anderen, die "political correctness", der Erwartungsdruck, der gemacht wird; sogar Mode und Konsumdiktat lasten mächtig auf uns.
Da lässt es uns aufatmen: Dein ist die Macht und die Herrlichkeit.
Du hast den Lebensnerv der alten Mächtigkeiten getroffen.
Jedem Getauften hast Du ein Samenkorn von herrlicher Mächtigkeit in die Seele gelegt.
Da sind noch die fünf Wundmale, die uns entgegenstrahlen und die Worte deuten es:
Durch Seine heiligen Wunden,
die leuchten in Herrlichkeit,
behüte unsund bewahre uns
Christus, der Herr.
Amen.
Er war verwundbar, wir sind es auch.
Durch Seine Wunden sind wir geheilt(Jes.53,3/1Petr.2,24c)
Seine Wunden haben heilende Strahlkraft, wir dürfen Ihn bitten, den Heilverband auf unsere Verwundungen zu legen. Wir dürfen Ihn um Sein tröstlich wärmendes Osterlicht bitten.
Wir dürfen Ihm sagen: Lege die Arme mit Deinen verklärten Wunden um einen jeden von uns.

Superior Rolf Oster





Fastenzeit 2011 - Umkehrdienst

Umkehrdienst

Mein Film zurückgespult und ab
gekapselt ab die Post
du mußt nur
drei vier Tage warten  

So reibungslos und einwandfrei
ging Umkehr nie
sogar im Preis von gestern inbegriffen
du verstehst
ich fürcht mich vor der Dunkelkammer
 

Man gibt die Bilder aus dem Haus
dort wird entwickelt und auf Wunsch
gerahmt

Das Negativ entfällt

Lucas Moser





Februar-März 2011: Masken



Konstanzer Fasnacht

In andere Rollen schlüpfen…
Aus anderer Sicht die Dinge betrachten…
Seiten ausprobieren, die sonst keinen Platz haben…
Unerkannt bleiben…
Frei sein…  

Und doch…
…froh sein, immer wieder diese Masken abstreifen zu können…
…Orte und Zeiten finden, an denen ich ganz ich bin
Vor Gott bin ich ganz ich
Ungeschminkt und wahr
Das ist nicht immer leicht, aber dafür bin ich dankbar  

Sr. M. Johanna Konrad

Und noch ein Text zum Zusammenhang von Fasnacht - Fastenzeit - Ostern:
Es hat Zeiten gegeben, da gab es überall dort, wo es Christen gab, auch eine Fastnacht. Maskenbräuche hatte man auch schon vor ihnen gehabt, aber die Christen hatten sie, wie so manche andere, so getauft, dass sie ihnen in den liturgischen Kram passten.
Die Jesuiten trieben zur Zeit der Gegenreformation diese Bräuche auf eine theatralische Spitze.
Heraus kam ein ganz wunderbarer Dreischritt: Überfluss, Sinnlichkeit, Verkleidung (Fastnacht/Karneval); Verzicht, Fasten, Konzentration (Fastenzeit); und schließlich Stärkung, Hoffnung und Sieg über den Tod (Ostern).
Die heiße Zeit der Fastnacht dauert sechs Tage, die darauf folgende Fastenzeit 40 Tage.
Wer die Fastnacht so auskostet, wie sich das gehört, hält das auch kaum länger als sechs Tage durch.
Der Zusammenhang von Fastnacht, Fastenzeit und Ostern wird in manchen Gegenden leider nicht mehr richtig zusammengebracht. Im schlimmsten Fall wird dann aus dem bloßen Verzichten eine asketische Höchstleistung oder aus der unritualisierten Fastnacht ein grenzenloses Besäufnis.
Martin Luther lehnte übrigens weder Fastnacht noch Karneval ab (dazu war er wahrscheinlich noch  viel zu katholisch), viele seiner Jünger nach ihm schon. Aber unter der Maske sieht man ja nichts von der Konfession.  
aus dem Buch: Die wunderbare Welt der Katholiken von Peter Modler  

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Juli-August 2010: Alles beginnt mit der Sehnsucht



Maria Magdalena am Ostermorgen von Sieger Köder

Am 22. Juli feiert die Kirche das Fest der Maria von Magdala.
Sie  wird 14mal in der Bibel mit Namen erwähnt.
Viele Bilder, Geschichten, Legenden, Romane beschäftigen sich mit dieser Frau.
Wer war sie???
Ihre Begegnung mit Jesus verdankt sie ihrer Sehnsucht. Sie sucht IHN ihr ganzes Leben lang. 

Maria Magdalena wird  von Jesus beim Namen gerufen und als Botschafterin der Auferstehung zu den Brüdern und Schwestern gesandt.
So ist sie bis heute Zeugin und Verkünderin einer Wahrheit, die die Welt verändert.
Alles beginnt mit der Sehnsucht!
Die Sehnsucht hilft auch uns befreit, geheilt, angenommen, getröstet, gestärkt, geliebt, gerufen, gesandt und verwandelt zu werden.                                                                                                   

Sr.M. Irmentrudis Berktold







Auferweckung des Lazarus von Raul Castro
April-Mai: Ostern – Aufstand gegen den Tod

Seit wenigen Wochen ist die Ausstellung der Figuren des Peruaners Raul Castro in Heiligenbronn zum Leben Jesu um drei Figurengruppen reicher geworden; eine von ihnen stellt die Auferweckung des Lazarus dar.
Unser Bild zeigt, wie der Erweckte zögerlich aus der Grabhöhle tritt, eingebunden in Tücher und Binden. Er ist noch gelähmt von den Spuren des Todes: Beide Arme hängen schlaff nach unten, das Gesicht ist gezeichnet von Schrecken, Nachdenklichkeit und Sinnieren.
Neben Lazarus seine Schwester Martha, die große Glaubende.
Mitten in Schmerz und Trauer ringt sie sich zu den Worten des Vertrauens durch: „Auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“
Der dritte im Bund ist Jesus Christus. Aufrecht, hoheitsvoll, gebietend steht er da. „Freund, komm heraus,“ sagt Er.
Er hebt einen Arm nach oben: „Vater ich danke Dir.“
Er streckt seine Rechte nach vorne: „Ich bin die Auferstehung! Ich bin das Leben!“  

Betanien ist überall.
Der Tod geht überall um. Er fährt reiche Beute ein.
Den Sterbenden nimmt er das Leben.
Den Zurückbleibenden bringt er Tränen und Trauer.

Betanien ist überall.
Wir feiern Ostern.
Der vom Tod Erstandene ruft jedem von uns zu: “ Ich bin deine Auferstehung! Ich bin dein Leben!“
Die Lebensmacht Gottes hat das Kreuz und die Mächtigkeit des Todes besiegt.
Endgültig besiegt.
Über das Leben, das du gelebt hast, wächst kein Gras.
Du verlöschst nicht wie ein Funke.
Du versinkst nicht im Nichts.
Alles, was du mitbringst über die Schwelle des Todes, - es war nicht umsonst.

An Ostern stimmt der Glaube ein Lied der Hoffnung an.
Es kennt die Ängste und Abgründe des Lebens und Sterbens.
Es vertraut Gott und seiner Lebensmacht.
Es weiß sich mit Martha von Betanien und Unzähligen durch die Jahrtausende verbunden.

Betanien ist überall!

Superior Rolf Oster






Durch das Dunkel hindurch...

… scheint der Himmel hell. So hell soll auch die Erde sein, steht auf!

… dringt ein neues Wort. Das Wort wird uns zur Zuversicht, steht auf!

… führt ein neuer Weg. Der Weg wird unsre Zukunft sein, steht auf!

… stärkt ein Bissen Brot. Das Brot soll unser Zeichen sein, steht auf!  

So heißt es in einem neuen geistlichen Liedtext (Text: H.-J. Netz, Musik: C. Lehmann) Jede und jeder von uns könnte ganz bestimmt einige Erfahrungen mit persönlich erlebten Situationen anfügen, in denen aus der Dunkelheit heraus ein neues Licht, eine neue Hoffnung oder auch eine neue Lebensperspektive ins eigene Leben hinein aufgeleuchtet ist.  

Gerade jetzt, in den Tagen vor Ostern, sind wir eingeladen, ganz bewusst den Weg Jesu mit zu gehen. Sein Weg ins Leiden, in den Tod, kann uns helfen, mit eigenen Grenzerfahrungen und Dunkelheiten um zu gehen. Die Annahme der eigenen Lebenswirklichkeit kann uns zu einem „Durchbruch“ verhelfen in die Freude und in das Geschenk der Erlösung, der Auferstehung. Meine Erfahrungen von Dunkelheit, Leid und Tod, von Grenzen, Angst, Hoffnungslosigkeit, Trauer, dürfen sein. Bei IHM weiß ich mich aufgehoben mit meinen Wunden und meiner Sehnsucht nach Leben – ich werde nicht alleine gelassen.  

Mein Leben ist mehr als nur ein Überleben!
Mein Leben hat einen Sinn und ist niemals vergeblich!
Gott selber ruft mich ins Leben – ich darf auf Neues Leben hoffen!
Eine grenzenlose Zukunft steht mir offen!
Der österliche Hoffnungsblick zeigt, dass das Leiden nicht in Leere und Verzweiflung endet!
Ich werde von Gott ins Leben geliebt und werde aufgefordert, aufzustehen für das Leben!  

Wir alle dürfen uns mitnehmen lassen von den Jüngern und Jüngerinnen damals. Sie geben Zeugnis von der Frohen Botschaft vom Leben. Wir dürfen einander ermutigen, aufzustehen und den Durchbruch zu wagen – durch das Dunkel hindurch. Ich wünsche uns allen den Osterglauben, die Osterfreude und den Blick für das Geschenk des Lebens!            

Sr. M. Anna-Franziska Fehrenbacher


du sprichst in unser ende
immer wieder einen anfang hinein
denn du bist im sterben und untergehn
du bist im leben und auferstehn  

du trägst in unser dunkel
immer wieder eine handbreit licht
denn du bist im sterben und untergehn
du bist im leben und auferstehn  

du siehst in unsern ängsten
immer wieder einen neuen beginn
denn du bist im sterben und untergehn
du bist im leben und auferstehn     
                           

Thomas Laubach






Januar-März 2010: Moderne Seligpreisungen



"Begegnungen" - Reiner Lehmann

Selig die, die über sich selbst lachen können.
Sie werden immer genug Unterhaltung finden.  

Selig die, die einen Berg von einem Maulwurfshügel unterscheiden können.
Sie werden sich viel Ärger ersparen.  

Selig, die fähig sind, sich auszuruhen und zu schlafen, ohne dafür Entschuldigungen zu suchen.
Sie werden weise werden.  

Selig die, die schweigen und zuhören können.
Sie werden dabei viel Neues lernen.  

Selig die, die intelligent genug sind, um über sich selbst lachen zu können.
Sie werden von ihren Mitmenschen geschätzt werden.  

Selig die, die aufmerksam sind für die Winke der Anderen.
Sie werden viel Freude säen.  

Selig die, die lächeln können und kein böses Gesicht machen.
Ihre Wege werden von der Sonne beschienen sein.  

Selig die, die fähig sind, das Verhalten der Anderen mit Wohlwollen zu interpretieren.
Sie werden zwar für naiv gehalten werden, aber das ist der Preis der Liebe.

Selig die, die es verstehen, die kleinen Dinge ernst und die ernsten Dinge gelassen angehen.
Sie werden im Leben sehr weit kommen.  

Selig die, die denken, bevor sie handeln und beten, ehe sie denken.
Sie werden eine Menge Dummheiten vermeiden.  

Selig die, die schweigen und lächeln können, auch wenn man ihnen das Wort abschneidet oder auf die Zehen tritt.
Sie sind dem Geist des Evangeliums sehr nahe.  

Selig die, die den Herrn in allen Wesen erkennen und lieben;
Sie werden Licht und Güte und Freude ausstrahlen.
                                                                                          (Quelle unbekannt)  

Wie oft stellen sich Menschen die Frage, warum der Umgang mit ihren Mitmenschen so anstrengend ist.
Nicht alle fragen sich jedoch, ob das ihre Mitmenschen wohl auch von ihnen sagen würden. Wir sind nun einmal endliche, unvollkommene Wesen.
Allerdings können wir uns entweder auf unserer Begrenztheit ausruhen, oder wir können zumindest versuchen, uns in die Lage unserer Mitmenschen zu versetzen, uns fragen, was wir an ihrer Stelle täten.
Und: Eine Prise Humor verändert oft mehr als ein Eimer voll Belehrung.
In diesem Sinne wünsche ich eine humorvolle Fasnets- und eine nachdenkliche Fastenzeit und den Mut, die neuen Seligpreisungen auszuprobieren.  

Diakon Reiner Lehmann / Schenkenzell / Mitglied der Weggemeinschaft







Maria und Josef auf dem Weg


Maria zeigt Jesus
Dezember-Januar 2010: Auf dem Weg...

Seit vielen Tagen und Nächten bin ich auf dem Weg durch den Advent.  

Wie habe ich mich auf den Weg gemacht?        

  • mit Erwartungen und Hoffnungen 
  • mit Ängsten und Befürchtungen 
  • mit dem Wunsch, neu aufzubrechen, auszubrechen aus alten Bahnen 
  • …  

Womit bin ich unterwegs? 

  • mit einer Verheißung
  • mit Sorgen und Fragen 
  • mit eigenen Plänen 
  • mit Sehnsucht, den richtigen Weg zu finden
  • mit Hoffnung, immer jemand an meiner Seite zu haben 
  • …  

Mit wem bin ich unterwegs?

  • mit einem Menschen, der mich versteht 
  • mit einem guten Freund, der zu mir steht
  • mit meinem unsichtbaren aber spürbaren Engel
  • mit Gott 
  • …  

Wohin bin ich unterwegs?

  • zu mir selbst
  • zu Menschen, denen ich auf dem Weg begegne
  • zum Kind in der Krippe 
  • …    

Auch Maria und Josef sind auf dem Weg  
Unterwegs mit einer Verheißung – unterwegs mit Sorgen und Fragen – unterwegs mit Sehnsucht und Hoffnung – unterwegs mit der Zusage Gottes: ICH BIN MIT DIR AUF DEM WEG!  

Maria spürt dieses Da-Sein Gottes in ihrem Leib, doch nicht nur ihr, nein, jedem einzelnen Menschen gilt diese Zusage Gottes:
ICH BIN MIT DIR AUF DEM WEG!  

Das Ziel dieses Weges ist die Begegnung mit diesem Gott, der voller Sehnsucht nach mir, nach uns allen ist.
ER hat sich schon längst auf den Weg zu uns gemacht.  

Mögen Sie alle erfahren, dass der IMMANUEL – der GOTT MIT UNS – jedem einzelnen Menschen seine Arme entgegenstreckt und uns allen zusagt:
ICH WILL DEN WEG MIT DIR WEITERGEHEN.  

Sr.M.Magdalena Dilger





November-Dezember 2009: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark"

Unter dieser Überschrift waren Exerzitien unter der Leitung von Pfarrer Michl Graf ausgeschrieben mit Psalmen und Gedichten:

Den eigenen Schwächen auf die Spur kommen...
entdecken, wofür ich eine "Schwäche habe"...
Schwächen stehen lassen, nicht schönreden, nicht überspielen, wahr sein lassen...

Den eigenen Stärken auf die Spur kommen...
annehmen, was mir mitgegeben ist an Schatz für mich, für Andere...
Stärken einsetzen für das Leben...

Der "Schwäche Gottes" für uns Menschen auf die Spur kommen...
Seine Menschwerdung in Jesus Christus ernst nehmen...
mit meinen Schwächen und Stärken von IHM angenommen, ernstgenommen, gebraucht werden...

Und immer wieder Psalmen miteinander singen, Gedichte hören, im Herzen nachwirken lassen, schön schreiben auf Papier, Herbstblätter, Bilder, Flaschen...

Mit Professor Dieter Groß erleben, wie aus vielen Paulusdarstellungen der Tradition "sein Pauluszyklus" entsteht, der im Original in Balingen-Frommern im Gemeindehaus ausgestellt ist...

 Sr. M. Dorothea Thomalla


Die Verlierer

Nicht die Sieger
mit ihrer Gleichgültigkeit
werden uns helfen  

sondern die Verlierer
mit ihrer Enttäuschung,
ihrer Unruhe und Sehnsucht  

die wund sind
von einem geborstenen Leben  

die jetzt ihr Gesicht vergraben,
weil es ihnen schwarz wird
vor den Augen  

die nachher
von einem Ort
zum andern laufen
auf der Suche
nach denen,
die verstanden haben
.  

Walter Helmut Fritz (geb. 1929)
in: Wunschtraum Albtraum 1983




Dieter Groß


der Pauluszyklus entsteht


Pauluszyklus-Ausschnitt


Ernte am Abend
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Oktober-November 2009: Wachstumsphasen

Die Schöpfung will in vielem Bild für unser Leben sein.
In diesen Tagen erleben wir, wie die Farben des Herbstes nach und nach verblassen, wie die Blätter von den Bäumen fallen und die Felder abgeerntet werden.
Es ist, wie ein Sterben. Dieser Rhythmus der Jahreszeiten will uns Botschaft, Angebot sein für unser Leben. Lebendigkeit braucht Phasen der Ruhe, der Passivität, der Sammlung und Konzentration. In dieser Zeit, da die Natur ihre Kraft mehr und mehr zurücknimmt und scheinbar nichts geschieht, ereignet sich im Innern höchste Aktivität. Da bereitet sich neue Lebendigkeit vor, die dann im Frühling explosionsartig aufbricht und sichtbar wird. Diese Dynamik ist vom Schöpfer hineingelegt in sein Werk.  

So wie die Natur braucht unser Leben Phasen der Konzentration, der Sammlung, des Ganz-bei-sich-seins damit eine neue Lebendigkeit sich entfalten kann.
Ich kann ganz bewusst mich für eine solche Phase entscheiden und mich von meinem alltäglichen Tun zurückziehen in die Stille, in die Einsamkeit für eine Stunde, einen Tag oder auch länger; vielleicht auch nur für einen ausgiebigen Spaziergang ganz allein.  

Es gibt aber auch Phasen der Passivität, die ich mir nicht wähle, sondern die mir aufgegeben sind z.B. durch Kranksein oder die Einschränkungen des Alters. Meine Kräfte konzentrieren sich auf Prozesse, die im Innern von statten gehen und die meine Aufmerksamkeit in Bann ziehen, die eine neue Dimension von Leben in mir vorbereiten wollen. Aus dem Verkehr gezogen finden inwendig enorme „Lebensprozesse“ statt. So gesehen werden bei mir, wie in der Natur solche Phasen des „Ganz-bei-sich-seins“ der scheinbaren Passivität zur Voraussetzung, damit Neues wachsen kann.  

Ich möchte Sie einladen zu einem Spaziergang in dieser Jahreszeit, bei dem Sie diesen Geheimnissen des Lebens nachspüren können und vielleicht die Frage auf den Weg mitzunehmen: Was hat mich in meinem Leben wachsen und reifen lassen? Sie werden erkennen, wie reich Ihr Leben ist und dass ein tiefer Sinn darin liegt. Ich wünsche Ihnen, dass dies sie von Herzen dankbar macht.  

 Halten Sie so dankend Gott Ihr Leben hin.

Sr. M. Agnes Löber





September-Oktober 2009: Gedanken zum Geburtstag



der kleine Elias nach der Geburt

Am 08.September feiert die Kirche den Geburtstag Mariens.
Der Legende nach haben die Eltern Joachim und Anna 20 Jahre lang um dieses Kind gebetet. Wie groß war dann wohl die Freude, als Maria geboren wurde.

Auch Johannes der Täufer war so ein „Kind der Verheißung“ (24.06.)
Und an Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu.
Wichtige Geburtstage im Kirchenjahr!

Aber auch am Geburtstag jedes Menschen beginnt Gott mit uns einen Weg der Liebe.
So könnte der Geburtstag—mein Geburtstag—ein besonderer Tag des Dankes und der Freude sein.

Am Abend meines Geburtstags möchte ich dann im Blick auf mein neues Lebensjahr  mit der hl. Clara von Assisi sprechen  können:
Geh hin in Sicherheit, denn du hast ein gutes Reisegeleit!
Geh hin, denn der dich erschaffen hat, hat dich auch geheiligt!
Er hat dich stets behütet wie eine Mutter ihr Kind und dich mit zärtlicher Liebe geliebt.
HERR, sei gepriesen, weil DU mich erschaffen hast.

Sr.M.Irmentrudis Berktold  

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August-September 2009: Kräuterweihe am 15. August


Im Jahr 1950 hat Papst Pius XII.  feierlich den Glaubenssatz verkündet,  dass Maria mit Leib und Seele  in die himmlische  Herrlichkeit aufgenommen wurde.
Das Fest reicht weit in die Geschichte der Kirche zurück, bis ins 5. Jahrhundert.
Es nimmt Bezug auf das Konzil von Ephesus,  das die hypostatische  Union der göttlichen und menschlichen Natur  in Christus aussagt.  
In diesem Kontext kam Maria eine besondere Stellung in der Heilsgeschichte zu.  

Diese dogmatische Aussage ist gedeckt  durch neutestamentliche Texte,  wie in der Lesung und im Evangelium dieses Festes:  
Maria wird geschildert als die,  die geglaubt hat, dass sich erfüllt,  was der Herr ihr sagen lies.  

Dass dieser Tag im  Zusammenhang mit der Kräuterweihe steht,  hat damit zu tun, dass Maria, die Mutter Jesu  immer schon die Zuflucht der Hilfesuchenden  war.    
„ Maria „ die Mittlerin und Helferin in allen Lebenslagen und besonders  in allen Krankheiten.
„ Maria , Du Heil  der Kranken !“  

Man erzählt: Als fromme Christen eines Tages den Sarg Mariens öffneten, hätten sie darin nicht den Leichnam , sondern frische blühende  und duftende Blumen gefunden.  Eine Legende selbstverständlich, Worte, die mit Bilder ausdrücken, was eigentlich gemeint ist.  

Kräutersegnungen gab es ursprünglich nicht nur am Fest Mariä Aufnahme in den Himmel.  
Die Anzahl der Kräuter im Kräuterbusch war nicht gleichgültig, sondern betrug  – landschaftliche  und zeitliche Unterschiede: z. B. sieben oder  zwölf ,  oder auch zweiundsiebzig verschiedene Kräuter.
Dazu gehörten unbedingt:  die Königskerze, Johanniskraut, Wehrmut, Beifuß, Schafgarbe, Kamille, Eisenkraut, Alant, Thymian, Ringelblumen und viele andere.
So kann  ein Rezept mit der Ringelblume durchaus  hilfreich  und wirksam sein, wenn unser Glaube an Gott  und unsere Mühe  mit der Natur übereinstimmt:
z. B. eine Hand voll  Ringelblüten im kochenden Wasser ziehen lassen. Das Wasser abgießen und die warmen Ringelblüten  in  einem Tuch  als Auflage auf den Magen legen  und ruhen bis der Wickel kalt ist. Dies bewirkt, dass  der Magen entlastet und entgiftet wird.  

Übrigens: Am 15. August um 9.00 Uhr findet in der Wallfahrtskirche in Heiligenbronn Waldachtal ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt von Dr. Felder statt. Danach werden die gesegneten Kräuterbüschel an die Gottesdienstbesucher  verteilt.

Sr. M. Reinholda Zirkel







gemalt von Sr. Bernadette Gaile
Juni - August 2009: "Herr, sei gelobt..."

Heute will ich hinausgehen und die Natur mit den Augen des Franziskus betrachten.
Ich schaue aus nach Bruder Wind und Schwester Sonne, begegne Mutter Erde mit ihren Pflanzen und Früchten.
Ich lasse mich ganz hinein nehmen in die Schöpfung, tauche ein in diese Fülle und in die Lebendigkeit.
Ich achte auf das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel.   ´

Und dann, wenn ich ganz eingebettet bin in diese Schöpfung, wenn ich spüre: Ich bin ein Teil davon,  
ja dann will ich singen und in das Lob des Franziskus einstimmen und Gott mein Schöpfungslied singen!  

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luftund Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernähret und lenkt (trägt)und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn und
sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.

Sr. M. Johanna Konrad





Mai - Juni 2009: "Herr, Du hast Worte des ewigen Lebens"


"Worte des Lebens" - Worte, die zum Leben verhelfen, die eine neue Perspektive eröffnen, Mut machen für den nächsten Schritt...

Solche Worte des Lebens kennt wohl jeder. Diese Worte erinnern an wichtige Stationen im Leben, an Entscheidungen, an vielleicht schwere und leidvolle Erfahrungen. Sie sind Wirkworte.

Es lohnt sich, in einer ruhigen Minute oder auf einem Spaziergang solche Worte aufsteigen zu lassen - es können Worte der heiligen Schrift sein, es können Worte sein von Menschen, die in die Erinnerung kommen.
Diesen Worten Raum geben und nachspüren, wo sie hilfreich waren und welche Botschaft sie jetzt in der Gegenwart haben.

Beim Schwesternjubiläum am 08. Mai sind wir Schwestern solchen Worten nachgegangen. Worte, die in einer bestimmten Situation wichtig waren und Worte, die viele Jahre durchgetragen haben und immer noch "wirken".

Anbei einige solcher Worte (die meisten aus dem Alten oder Neuen Testament):

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April - Mai 2009: "Beim Namen gerufen … "



Ikone: Maria Magdalena mit dem Auferstandenen (Privatbesitz)

In den Auferstehungsberichten der Bibel setzt die Begegnung von Maria Magdalena mit dem Auferstandenen einen wichtigen Akzent. (Joh.20,11-18) .

Das leere Grab gibt Maria von Magdala in ihrer Trauer, Trostlosigkeit, Verlassenheit, Dunkelheit, Angst ... keine Hoffnung.

Die Botschaft der Engel: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten.
ER ist auferstanden versteht sie nicht.

Die Gestalt des auferstandenen Jesus erkennen ihre Augen nicht.
Da spricht Jesus ihren Namen: Maria!
Und dieses eine Wort bewirkt alles: Maria von Magdala wird mit ihrem Namen und in ihrer ganzen Existenz angerufen und in diesem Augenblick erfährt sie:
ER lebt! ER, der sie befreite von ihren Zwängen ER, der ihr neues Leben geschenkt hat ER, den sie liebt ... ER lebt!

Diese Erfahrung verwandelt sie:
Aus Trauer wird Freude
Aus Dunkelheit wird Licht
Aus Hoffnungslosigkeit wird Zuversicht
Aus Erstarrung wird Bewegung und Lebendigkeit

Der Auferstandene ruft auch uns beim Namen-Dich und mich. Und auch uns kann diese Erfahrung heilsam verwandeln.  

Sr.M.lrmentrudis  Berktold

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Impuls März-April: "Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft... "



Ikone der Verkündigung (Privatbesitz)

Am 25. März feiern wir das Fest Maria Verkündigung.
Durch Glockengeläut werden wir dreimal täglich daran erinnert und beten den „Engel des Herrn“.
Viele Maler haben dieses Ereignis in Bildern dargestellt.
Seit ich selber eine „Verkündigungs- Ikone“ geschrieben habe, beschäftigen mich aus diesem Evangelium drei Aussagen, die für mich eine ganz wichtige frohe Botschaft sind.
Diese drei Zusagen Gottes sind nicht nur zu Maria gesprochen, sondern zu jedem von uns—zu Dir und mir:  

Solche Verheißungen erfüllen mich mit Freude und Dankbarkeit. -- Sie auch???

 Sr.M.Irmentrudis

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Januar - März 2009: "Wie Simeon und Hanna der Verheißung trauen"



Simeon und Hanna von Raul Castro

Auf dem Bild links sehen wir:
Zwei Menschen. Beide sind alt  Beide leben aus dem Glauben an die Verheißung, dass der Messias kommt sein Volk zu erlösen.
Auf der einen Seite: Simeon Er erhielt die Verheißung, dass er den Tod nicht schauen werde, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
Durch viele Jahre hindurch ist diese Verheißung in ihm lebendig geblieben; hat ihn glauben und hoffen lassen.
„Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm.“ Lk 2,25
Jetzt als alter Mann begegnet Simeon dem Messias in diesem Säugling, dem Kind armer Eltern. Er war vom Heiligen Geist in den Tempel geführt worden und erkennt in diesem Kind einfacher Leute den verheißenen Messias; sein Herz, seine Augen, erkennen die Gegenwart Gottes und er lobt Gott:
„meine Augen haben die Herrlichkeit des Herrn gesehen … das Licht zur Erleuchtung der Heiden“ (dafür steht der 7armige Leuchter).
Das Schwert in seiner Hand ein Symbol für das Leid das er erfahren wird und Symbol dafür, dass sich an diesem Kind die Geister scheiden werden.
Die Sehnsucht nach dem Kommen des Messias glüht in seinem Herzen – darum erkennt er in diesem Kind den Messias. Wer erwartet denn, dass der Erwartete, der Ersehnte ein Kind ist – noch dazu Kind einfacher Leute?
Simeon erkennt in diesem Kind das Heil der Welt. Aus ihm bricht der Jubel aus … “Nun lässt Du Herr Deinen Knecht in Frieden scheiden; denn meine –Augen haben das Heil gesehen…“
Dieses sein Gebet hat die Kirche in das tägliche Nachtgebet, die Komplet, aufgenommen.  

Dann ist da die Frau, die das Kind in Händen hält: es ist Hanna!
Die Bibel sagt von ihr: eine Prophetin – hochbetagt – eine Witwe von 84 Jahren – sie war immer im Tempel – diente Gott mit Fasten und Beten bei Tag und Nacht!   Auch sie erkennt und bezeugt in diesem Augenblick: das ist der Messias, den die Propheten seit alter Zeit ankündigen, von ihm in vielen Bildern erzählen, der Erlöser Israels, der Hilfe und Kraft schenkt in dunkler, schwerer Zeit, der Sinn und Erfüllung schenkt für das eigene Leben. und sie preist Gott für sein Wirken.

Sie – wir – ich dürfen dieses Kind schauen und die Herrlichkeit Gottes erstrahlen sehen. Hanna hält uns das göttliche Kind entgegen und lädt uns ein „Gottes Herrlichkeit“ zu erkennen und ihn zu preisen.
Heute wie damals kommt er nicht mit Glanz und Gloria und doch geht es auch für uns darum seine Herrlichkeit zu erkennen und Ihn zu preisen.  

Ich kann mich fragen:

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Sternenhimmel


Paul Celan
Dezember 2008 - Januar 2009:"Ein Stern lauscht einem Licht"

Aus einem späten Gedicht von Paul Celan (geb. 1920 in Czernowitz  gest. 1970 in Paris)

"EIN STERN
lauscht einem Licht,
eine Stunde verstößt
eine Stunde"

Schon die ersten beiden Zeilen können dich glücklich machen. Denn dass ein Stern das Licht nicht einfach nur reflektiert oder - im Bilde naheliegend - wenigstens sieht, sondern hört, das Licht hört, das sprengt die vertraute Bilderwelt - und macht mich froh.
Froh, denn das Farbenhören ist nahe bei dem, was wir "mit dem Herzen sehen". Augen, Ohren, innere Sinne: alles tut sich auf, und im Advent erst recht. Und macht es dann traurig, dass "eine Stunde eine Stunde verstößt"?
Mehr können sie eben nicht, die Stunden und Sekunden. Sie sind von sich aus nur leer tickende Zeit. Die Zeit heilt nämlich nicht, wie ein dürftige Sprichwort meint, alle Wunden, sondern vergeht nur. Tickt und vergeht. Mehr kann sie nicht, und dass sie wenigstens vergeht, tröstet mitunter.
Heilen aber: das ist das Geschenk Gottes, uns auch zum Weiterschenken anvertraut. Wichtel, die wir sind.

Gegen Ende des nicht ganz einfach zu verstehenden Gedichts von Celan heißt es dann:
" ...Gott
schreitet mähend die Bilderfront ab,
auf den Graten
der obersten
Wiege."

Nicht nur die Stunden verstoßen sich im Zeitvergehen. Gott mäht sogar die "Bilderfront" ab, all das Sichtbare und Greifbare, all das Begriffene und Gehabte, all das Gewusste und Bewusste. Wir schauen mit jenem lauschenden Stern hinauf und höher und höher, wo wir am Horizont, am Grat also, jenes endgültige Bild der Heiligen Nacht erblicken dürfen: die Wiege.

Pfarrvikar Michl Graff, Stuttgart

(Quelle: Paul Celan, Zeitgehöft. Späte Gedichte aus dem Nachlass, Suhrkamp Frankfurt 1976)

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November-Dezember 2008: "Erwartet den Herrn"


Erwartet den Herrn,
steht als Knechte bereit an der Tür.
Schon jauchzt jeder Stern,
seht, er kommt,
seht, er kommt, wir sind hier:  
Komm, Herr Jesus, Maranatha
.  

Entzündet die Lampen, ihr Mägde,
erglühet im Geist
Im Kommen des Ewig Geliebten,
der Kyrios heißt.
Komm, Herr Jesus, Maranatha.  

Du wirfst dein Feuer zur Erde
und willst, dass es brennt.
Und wir sind der Mund,
der anbetend dein Kommen bekennt.
Komm, Herr Jesus, Maranatha.
(Adventlicher Hymnus zum Stundengebet der Kirche)    

Den Herrn erwarten, darauf vertrauen, dass er in meinem Alltag immer wieder an der Tür steht, dass er an der Tür meines Herzens anklopft und hofft, dass ich es höre und ihm öffne. Gott weiß um meine Sehnsucht nach Frieden und Heil – und ER sehnt sich nach mir!  

Die Lampen entzünden, das Licht des Glaubens brennend halten in einer Welt, die so oft die Hoffnung auf Zukunft im Licht verloren hat. Gott kann seine leidenschaftliche Hoffnung für eine heile Welt nicht lassen. In seiner Menschwerdung beginnt er, seine Träume für uns wahr zu machen.  

Du wirfst dein Feuer zur Erde, - das Feuer der Sehnsucht und der tiefen Unruhe des Menschen nach Gottes Liebe.  

Wir sind eingeladen, uns in der Zeit des Advents, mit den alttestamentlichen Propheten auf den Weg zu machen und uns begeisternd ansprechen zu lassen von den Verheißungen Gottes, die uns Zukunft und Heil versprechen.

Sr. M. Anna-Franziska Fehrenbacher

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Impuls Oktober-November 2008: "Worauf es ankommt!"


Es ist Herbst – die Zeit der wunderschönen Färbung der Bäume, Wälder und Büsche, als ob die Natur nochmals ihre ganze Pracht entfalten wollte, bevor die kalte Jahreszeit hereinbricht.
Dankbarkeit mag das eigene Herz erfüllen:
Für die Schönheit der Natur,
für das Geschenk des Lebens
und für die Gabenvielfalt der Schöpfung,
die uns der Vater im Himmel in diesem Jahr wieder geschenkt hat.

Und dennoch gibt es vielleicht Menschen in unserer Nähe, denen es am Nötigsten fehlt.
Dazu eine aus dem Tschechischen übertragene Geschichte:

In einem schönen Schloss, das schon längst zu Staub und Asche geworden ist, lebte einstmals ein sehr reicher Rittersmann. Er verwandte eine unermessliche Menge Geld darauf, sein Schloss ganz prächtig auszustatten, den Armen aber tat er wenig Gutes. Da kam eines Tages auch einmal ein armer Pilgersmann in das Schloss und bat demütig um eine Nachtherberge. Der Ritter wies ihn protzig ab und sagte: „Dieses Schloss ist doch kein Gasthaus!“ Der Pilger entgegnete nur: „Gestattet mir drei Fragen zu stellen, so will ich wieder gehen.“ Der Ritter erwiderte: „Auf diese Bedingung hin möget Ihr fragen, was Ihr wollt, ich will Euch gerne, so gut ich es vermag, antworten.“ Da fragte ihn der Pilger: „Wer wohnte doch wohl vor Euch in diesem Schlosse?“ „Mein Vater“, entgegnete etwas verwundert der Ritter. Der Pilger fragte weiter: „Und wer wohnte vor Eurem Vater hier?“ „Mein Großvater“, antwortete der Rittersmann nun schon befremdet. „Und wer wird wohl nach Euch darin wohnen““ fragte der Pilger zum dritten Male. Leise antwortete der Ritter: „So es in Gottes Ratschluss steht, mein Sohn.“ „Nun“, sagte der Pilgersmann, „Wenn jeder nur seine Zeit in diesem Schlosse wohnt und immer einer dem anderen Platz macht – was seid Ihr denn dann anderes hier als Gäste? Dieses Schloss ist also wirklich ein Gasthaus. Verwendet daher nicht soviel darauf, dieses Haus, das euch doch nur eine kurze Zeit beherbergt, so prächtig auszuschmücken. Tut lieber den Armen Gutes, so baut ihr Euch eine bleibende Wohnung im Himmel, Eurer wirklichen Heimstätte.“ Der Ritter behielt den Pilger über Nacht und wurde von diesem Tage an wohltätig gegen die Armen. Die Herrlichkeit der Welt vergeht, nur was wir Gutes tun, besteht.

Der Herr möge uns Augen geben, unser Leben im Lichte Gottes zu betrachten und die Not der Nächsten wahrzunehmen, mit ihnen zu teilen!  

Sr. M. Judith Kaupp

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Impuls September-Oktober: "Im Buch des Kreuzes lesen"



Kreuz im Chorraum der St. Galluskirche

„Höchster,
glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir
rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung,
vollendete Liebe
und tiefgründende Demut.
Gib mir Herr,
das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle,
den du mir in Wahrheit gegeben.“  
   

So betete der Hl. Franziskus vor dem Kreuzbild von San Damiano.
Vom Gekreuzigten hörte er die Antwort, die für sein ganzes Leben prägend war. Für Franziskus war und blieb das Kreuz ein Buch, in dem er immer wieder eine neue Seite aufschlagen wollte, denn die Botschaft vom Kreuz war für ihn Quelle des Lebens.
Franziskus gab dies an seine Brüder weiter: „Lest im Buch des Kreuzes!“
Dieser Auftrag gilt auch heute noch allen, die wie Franziskus den Fußspuren des Gekreuzigten folgen.
So habe ich mich im Blick auf das diesjährige Franziskusfest (04.10.) in meiner eigenen Gemeinschaft umgehört, was die einzelnen Mitschwestern aus dem Buch des Kreuzes lesen.

Einige Aussagen sind hier zu lesen:   
Im Buch des Kreuzes lesen, bedeutet für mich...

Es lohnt sich, im Buch des Kreuzes zu lesen! Wenn Sie es bereits tun, welche Seite ist bei Ihnen gerade aufgeschlagen?      

Sr. M. Magdalena Dilger

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Impuls August - September: "Mit Vertrauen müssig sein"

Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage,

die wir gezwungen sind, müßig zu sein,

diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen?  

Ob nicht unser Handeln selbst,

wenn es später kommt,

nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist,

die in untätigen Tagen in uns geschieht?  

Jedenfalls ist es sehr wichtig,

mit Vetrauen müßig zu sein,

mit Hingabe,

womöglich mit Freude.  

Mit diesem Text von Rainer Maria Rilke (in: Gedanken sind Kräfte, Stuttgart 2007, Reclam, S. 172) wünschen wir Ihnen im Urlaub erholsame und im besten Sinne "untätige" Tage.  





Impuls Juni - August: "Das Evangelium leben..."



Fußwaschung von Raul Castro

Unser diesjähriges Generalkapitel vom 18. - 20. Juni haben wir mit dem Thema „Das Evangelium leben“ überschrieben.

Bei der Ablegung der Ordensprofess, heißt es u.a. in der Professformel „…ich will leben nach dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus…“

Aber was heißt das konkret für mich – für dich – für uns? Was steckt dahinter?
Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther: „Das Evangelium ist der Grund auf dem wir stehen!“
Das „Evangelium leben“, die Frohe Botschaft, die Worte Jesu, das Handeln Gottes an den Menschen hat Wirkung.

Es geht darum, die Worte zu hören und danach zu handeln.
Gottes Liebe, die mir durch das Evangelium entgegenkommt möchte mich verwandeln..
Gottes Wort möchte mich ansprechen und mich ermutigen, damit sein liebevolles Wirken an mir erkennbar wird.
Gottes Wort, die Begegnung mit seinem Sohn Jesus Christus in der Frohen Botschaft führt mich in eine größere Freiheit.

Wenn ich auf allen meinen Wegen, durch das Gestrüpp des Alltags, die Spur Gottes entdecke, kann ich mich glücklich preisen.

Dann weiß ich, dass alles, was mein Leben ausmacht, alle Freude und alle Traurigkeit, alle Hoffnung und alle Not, alles Schöne und auch alles Unansehnliche, alles Tun und alles Scheitern, aufgehoben ist in SEINER Hand.

Das Erkennen der Spur Gottes wird mich mehr und mehr verändern.
Ich werde sensibler, hellhöriger für Gottes Wirklichkeit im Umgang miteinander. Ich werde in den anderen immer mehr Gottes Liebe auf vielfältige Weise begegnen.

Das Erkennen der Spur Gottes wird mich mehr und mehr verändern.

Ich werde meinen Blick schärfen, einen neuen Umgang pflegen, im Blick auf unsere Welt, auf die ganze Schöpfung, die Gott geschaffen hat.

Ich werde mich von Jesus befähigen und senden lassen, hinaus in die Welt zu gehen und mit zu gestalten am Aufbau SEINES Reiches.

Für den heiligen Franziskus war es wichtig, den Fußspuren unseres Herrn Jesu Christi zu folgen, IHM ähnlich zu werden und so zu handeln, wie er es getan hat.

Grundlage für Seine Bereitschaft, Gott und den Menschen zu dienen, war das Evangelium.

Er hat sich vom Lebensmodell Jesu inspirieren und ermutigen lassen, um so durch sein eigenes Leben den Menschen zu dienen und Gottes Liebe zu bezeugen.

Möge er uns Vorbild und Fürsprecher sein in unserem ganz konkreten Alltag.

Sr. M. Anna-Franziska Fehrenbacher

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Impuls Mai-Juni 2008: Weg-Wahrheit-Leben



Jesus mit Maria von R.Castro


Sr. M. Johanna

Auf der Suche nach meinem ganz persönlichen Weg bin ich auf die Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Heiligenbronn getroffen. Seit drei Jahren sind wir nun gemeinsam unterwegs. Am 03. Mai 2008 habe ich in dieser Gemeinschaft meine Erstprofess abgelegt.

Hier einige Gedanken zum Evangelium nach Johannes, Kapitel 14, 1-14:  
Für mich verbinden sich die drei Aussagen, die Jesus von sich sagt, zu einer Einheit die das gesamte Leben umschreibt.

Zuerst bin ich aufgebrochen, meinen Weg zu suchen – meinen persönlichen Weg, meinen Lebensweg zu finden. Auf diesem Weg ist mir Christus begegnet. Und ER geht ihn mit mir.  

Auf diesem Weg mit Christus begegnet mir die Wahrheit. Und Christus der mit mir geht, zeigt mir meine Wahrheit. ER meint es ernst mit mir. Ich kann diesem Gott vertrauen, denn ER spricht die Wahrheit.  Wenn ich wahrhaftig auf dem Weg bin, spüre ich das Leben.

Ich darf auf diesem Weg erfahren was Leben heißt. Ich habe erfahren, dass Gott ein Gott des Lebens ist, und dass dieser Gott etwas mit mir zu tun haben will. Auf diesem Weg kann ich leben und will ich leben – mit Christus.  

Mein Weg hat mich nach Heiligenbronn geführt, den ich nun in der Gemeinschaft der Schwestern gehen darf.
In der Erstprofess habe ich dazu mein JA gesprochen, mich auf Christus einzulassen, der mir Weg, Wahrheit und Leben sein möchte.
Es wird spannend bleiben auf dem Weg mit Christus.

Und: Es hat sich gelohnt, auf die Suche nach dem eigenen Lebensweg zu gehen.  

Sr. M. Johanna Konrad    

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Impuls: April-Mai 2008: Gedanken zum „Guten Hirten“


Das Bild vom Hirten, seinen Schafen und dem jungen Lamm rührt Herz und Gemüt an. In unserer Tiefe werden die Ahnung von Vertrauen, von Beschützt- und Umsorgtsein lebendig und die Sehnsucht danach.

Am 04.Sonntag der Osterzeit – dieses Jahr 13.April – begeht die Kirche den „Guthirtensonntag". Der Name leitet sich aus dem Johannesevangelium ab (Joh 10,1-18). „Die Schafe hören auf die Stimme des Hirten. Sie folgen ihm .. Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben."
Das Bildwort hat zwei Seiten:
Jesus Christus, der Gute Hirte, kennt mich. Er weiß, wo es mir gut geht. Er weiß, wo mich der Schuh drückt. Er weiß, wo ich nicht kann oder nicht mag. Ich bin also kein Rädchen im Getriebe, das funktionieren muss. Ich bin keine Nummer. Er weiß um mich.
Die andere Seite:
Die Beziehung von Ihm zu mir steht. Wie steht es um die Beziehung von mir zu Ihm?
Ist sie lebendig? Auf unserem Bild haben Lamm und Hirte ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander.

Am Fest Christi Himmelfahrt – es fällt dieses Jahr auf den 1. Mai – feiern wir, dass der Gute Hirte zum Vater heimgegangen ist. Aber er sagt vor dem Abschied: „ Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." (Matthäus 28,20b)
Da haben wir es wieder: Die Zusage des Guten Hirten, an unserer Seite zu sein. Müssen wir auch manchmal durch finstere Schluchten, so brauchen wir doch kein Unheil zu fürchten, weil Er bei uns ist (vgl. Psalm 23).

Und wenn Christen Pfingsten feiern – es fallt dieses Jahr auf den 11./12.Mai – dann erfüllt sich wieder ein Guthirten-Wort: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen"
(Joh 14,18a).
Da haben wir es noch einmal: Der heilige Geist, die Liebe des Vaters und des Sohnes, als Wegbegleiter, als Stütze und Stab auf der oft anstrengenden Wegsuche.

Der Heilige Geist schenkt in Ermüdung Ruh, in der Hitze haucht er Kühlung zu, in der Trostlosigkeit spricht er Mut ins Herz und richtet auf. (vgl. Pfingsthymnus Veni, Sancte
Spiritus)

Allen, die dies lesen:
Gute Wege mit dem Guten Hirten!

Superior Rolf Oster, Heiligenbronn

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Impuls März-April 2008: Geistlicher Impuls



Franziskus in La Verna - Ausschnitt eines Wandteppichs (Paramentenwerkstätte Kloster Reute)

Ein großes Thema beschäftigt uns zu dieser Jahreszeit:

Jesu letzter Weg auf Erden, sein Leiden, sein Sterben, sein Auferstehen und damit unsere Rettung und Erlösung.

Ein konsequentes und geradliniges Leben führte Jesus nach Kalvaria hinauf. Als Verbrecher sollte er sterben, und sein Name sollte ausgelöscht werden unter den Menschen. Am Kreuz betete Jesus aber für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).  Das kann nur einer sagen, der liebt und zur Liebe geworden ist.

Der hl. Franziskus hat sich mit dem Gekreuzigten identifiziert und wurde selbst ein „zweiter Christus“. Es war seine Sehnsucht, das Evangelium radikal zu leben, sich ganz auf diese frohe Botschaft einzulassen. Wie sein geliebter Herr scharte er Brüder um sich, zog mit ihnen durchs Land und lehrte die Menschen die Liebe zu Gott und zu den Menschen, die Liebe zu allem Geschaffenen. In seiner tiefen Christusbeziehung empfing Franziskus gegen Ende seines Lebens die Wundmale des Herrn und konnte mit dem hl. Paulus sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“  (Vgl. 2 Kor 5,15) Das kann nur einer sagen, der liebt und zur Liebe geworden ist.

Jeder Christ ist in die Nachfolge Jesu berufen, darf sich vom Geist der frohen Botschaft inspirieren lassen und Jesu Liebe weitergeben von Mensch zu Mensch. ER hat uns den „Dienst der Versöhnung“ (vgl. 2 Kor 5, 18) aufgetragen, die Versöhnung mit Gott und untereinander. In unserem Zusammenleben ergibt es sich oftmals – ob es uns bewusst ist oder nicht – dass wir uns gegenseitig verletzen. „Jede Wunde ist eine Chance für ein Wunder; denn Wunder geschehen da, wo Wunden sind“(Marianne Kawohl). Und jede Versöhnung bringt die Freude und das Licht der Auferstehung. In diesem Licht können wir lieben und für andere zur Liebe werden.

Sr. M. Judith Kaupp





Impuls Februar - März 2008: Gott hat keine anderen Hände als die deinen....



"Erschaffung des Menschen" Sixtinische Kapelle

Ein Anspruch: Meine Hände- Gottes Hände??

Eine Aufforderung: Gottes Hände- meine Hände??

Sicher ist: Was an Gutem in dieser Welt geschieht, geschieht durch uns Menschen- durch unsere Hände.

Theresa von Avila schreibt: Groß und schön ist die Sprache der Hände: Gott hat sie uns gegeben, dass wir die Seele darin tragen.

Schon die Anatomie der Hand ist ein Wunder: Wenn wir die Haut, die Linien, Adern, Fingernägel , die 27 Knochen, die verschiedenen Gelenke betrachten, den Daumen, der mit jedem Finger Kontakt aufnehmen kann und unsere Hand-lungen und das Hand-werk erst ermöglichen, erfahren wir etwas von der Weisheit der Schöpfung.

Das Umfahren der Finger und der Hand mit einem Holzstäbchen bei der Eutonie zeigt uns, wie sensibel unsere Hände sind.

Durch die zwei Behinderungen, mit denen wir in Heiligenbronn täglich konfrontiert sind, erleben wir wichtige Funktionen der Hand: Für die hörgeschädigten Menschen ersetzen die Gebärden oft die Lautsprache. Für die blinden Menschen ersetzen die Hände beim Lesen der Blindenschrift und beim Ertasten der Umwelt die Augen.

Heilende Hände erfahren wir durch Berührung in vielen Formen im täglichen Leben.

In der Liturgie und in der Bibel spielen die Hände eine wichtige Rolle:

Die verschiedenen Gebetsgebärden sprechen eine deutliche Sprache, auch die Handauflegung bei der Spendung der Sakramente. In den Psalmen sind viele Aussagen über die schöpferischen, heilenden, führenden, tragenden, tröstenden, rettenden Hände Gottes. Jesus heilt oft durch Berührung seiner Hand oder ER wird berührt.

Viele Sprichwörter zum Thema: Hand zeigen im täglichen Leben symbolisch wichtige Aussagen über Zustände und  Verhaltensweisen von uns Menschen.

Die Handlungsfähigkeit unserer Hände ist uns so selbstverständlich .In dieser vorösterlichen Zeit könnten wir wieder einmal bewusst und dankbar unsere Hände pflegen und beim Waschen und Eincremen beten:

Herr, segne meine Hände, dass sie heil seien und Heil wirken! Segne mich, dass ich handle in DEINEM Auftrag und in DEINEM Namen. Amen

Sr.M.Irmentrudis Berktold





Impuls Januar-Februar 2008: Weg des erlösten Menschen



gemalt von Sr. M. Bernadette Gaile

JESUS - MENSCHENSOHN

Gegenwärtig in jedem Menschen -
hinter den Masken
wie ein Kind bittend.


"WER EIN SOLCHES KIND
aufnimmt
nimmt MICH auf."

JESUS - DU - hinter den
MASKEN

der Angst
der Gewalt
der Krankheit
der Arbeitslosigkeit
des Gefangenseins
der Sehnsucht
der Selbstsicherheit

Seit Adam trägt der Mensch Masken, versteckt sich dahinter, hat Angst, sich so zu zeigen, wie er ist mit seinen Stärken und Schwächen, mit seinen hellen und dunklen Seiten, mit seiner Würde und seiner Erlösungsbedürftigkeit.
Gott ruft jede und jeden: "Wo bist Du? Warum versteckst Du Dich? (vgl. Gen 3,9) Ich will für Dich das Leben durch alle Masken und alles Schwere hindurch. Ich habe Dich erlöst durch Jesu Menschwerden, Sterben und Auferstehen."
So darf ich Jesus immer neu meine Masken geben - bei Ihm brauche ich sie nicht mehr. Seit Jesus sieht Gott durch jede Maske hindurch das Gesicht seines Sohnes. So darf ich vor Gott aufrecht stehen, Ihn anschauen und mich von Ihm anschauen lassen mit meinen Brüdern und Schwestern.

Sr. M. Bernadette Gaile





November-Dezember 2007: "Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte..."



"Am Ende unseres Lebens werden wir nur nach unserer Liebe gefragt" - Franz von Assisi

Die liturgischen Texte am Ende und am Anfang des Kirchenjahres klingen sehr „endzeitlich“ und der Monat November mit den Festen Allerheiligen und Allerseelen erinnert uns deutlich an unsere Toten.
Diese Erinnerung ist gleichzeitig auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben, mit dem eigenen Tod.
Ich weiß nicht, ob ich morgen noch lebe...
Ein Verkehrsunfall, ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall kann meinem Leben ein plötzliches Ende bereiten.

Als junge Schwester hatte ich große Schwierigkeiten mit dem Herz-Jesu-Freitag, an dem wir immer eine sogenannte „Todesbetrachtung“ machen mussten.
Wenn ich damals das Buch von Anselm Grün (siehe Überschrift!) schon gehabt hätte, wäre es mir leichter gefallen, mein Leben unter diesem Aspekt zu betrachten, weil die Gedanken darin helfen, die Zeit, die mir jeden Tag neu geschenkt wird, dankbar anzunehmen und zu gestalten.
Ein paar Anregungen aus diesem Buch:

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte,

Der Gedanke an meinen letzten Lebenstag hilft mir, im Jetzt, im Heute zu leben und dankbar die Quellen zu entdecken, aus denen ich lebe.

Sr.M.Irmentrudis Berktold

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Manchmal find ich einen Lebensquell



gemalt von Sr. M. Bernadette Gaile

Manchmal find ich einen Lebensquell.
Ich kann aus einem Brunnen schöpfen,
ich kann vom frischen Wasser trinken,
Wasser, das fließt, Wasser, das heilt.  

Manchmal find ich einen Sonnenstrahl.
Ich kann trotz dunkler Wolken sehen,
ich kann ins Farbenlicht mich tauchen,
Licht, das mich wärmt, Licht, das mich führt. 
 
Manchmal find ich festen Felsengrund.
Ich muss nicht zittern, muss nicht fallen,
ich kann ein Lebenshaus mir bauen,
Haus, das mich schützt, Haus, das mich birgt.  

Manchmal find ich einen Herzensfreund.
Da kann ich gut sein, kann ich lieben,
da kann ich wachsen, kann ich finden,
finden zu mir, wachsen zu dir.  

Mit diesem Lied aus dem Musiktheater "David Fuchs - Spiel mit dem Leben" wünschen wir Ihnen einen gesegneten und erholsamen Urlaub.





September - Oktober 2007: "Transitus" am 03.Oktober


Gebet des Hl. Franziskus von Assisi vor diesem Kreuz  
Höchster,
glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir
rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung,
vollendete Liebe und
tiefgründende Demut.
Gib mir, Herr,
das Empfinden und Erkennen,
damit ich Deinen heiligen Auftrag erfülle,
den Du mir in Wahrheit gegeben. Amen.

Dieses Gebet des Heiligen Franziskus betrachteten wir mit ca. 70 Gästen in der Feier des "Transitus" am Vorabend des Festes des Heiligen. Transitus meint den Hinübergang von dieser Welt in den Himmel.

Glaube, Hoffnung und Liebe - diese drei göttlichen Tugenden - wurde von den Schwestern auf das Heute übertragen.
Jeweils vier Schwestern wurden befragt, was für sie "Glaube - Hoffnung - Liebe" heißt. Nachstehend die einzelnen Aussagen:

Für mich ist Glaube...

Für mich ist Hoffnung...

Für mich ist Liebe...

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Juni - Juli 2007: Ordensleben heute in Heiligenbronn


Bei einem Gemeinschaftsabend wurden die Schwestern befragt zum Thema Ordensleben:

Wie verstehe ich mein Ordensleben heute?
Was ist für mich das Wichtigste an meinem Ordensleben?
Was macht das Ordensleben in Heiligenbronn aus?

Im Folgenden einige spontane Äußerungen und Aussagen:





Mai - Juni 2007 Wir im Blick von Christi Liebe


In den italienischen Bergen von La Verna oberhalb von Arezzo finden Menschen, die auf den Spuren des heiligen Franz von Assisi sind, diese beeindruckende Plastik aus Tonglasur (Terracotta) des Florentiner Künstlers Andrea della Robbia (1435-1525) Mit ganz wenig Farbe – blau, weiß, grün – stellt er uns die Himmelfahrt Christi vor Augen: Jesus Christus schaut freundlich auf die Erde und ihre Menschen. Engel beten Ihn an; unten am Ölberg stehen ergriffen die elf Apostel; in ihrer Mitte Maria: Sie betet und schaut. Ein Ornamentikband von blühendem Grün schmückt die Darstellung.

In diesen Mai-Juni-Tagen schauen wir mit der Kirche auf den Erlöser, der heimkehrt zum Vater „ hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften“. (Eph1,21) Der erhöhte Menschensohn tritt vor dem Vater für die Seinen ein.

In diesen Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten beten wir mit vielen darum, dass wir die Kraft des Heiligen Geistes neu empfangen und seine Zeugen sein können dort, wohin er uns gestellt hat. (Apg 1,8) Im Beten liegt eine Kraft. Die Kirche betet mit Maria, Maria betet mit der Kirche. (Apg 1,12-14)

In Heiligenbronn feiert die ganze Schwesterngemeinschaft in diesen Tagen (25.Mai), dass Sr.Mathilde Weber, Sr.Irene Beetz und Sr.Romana Haberstroh in ihrer Profeß vor 50 Jahren ihr großes JA gesprochen haben und sich ganz in seinen Dienst nehmen ließen.

Das Pfingstfest zwei Tage danach ist der „Geburtstag“ der Kirche: Das Gedächtnis will den Dank aufleben lassen für das Geschenk des Glaubens und zugleich Mut machen, ihn nicht ängstlich hinter verschlossenen Türen zu hüten.

Im Fronleichnamsfest am 7.Juni schließlich tun wir kund, aus welcher Kraft wir leben: Von Jesus Christus, der uns das „Gastmahl seiner Liebe“ für alle Zeiten hinterlassen hat.

Superior Rolf Oster





April - Mai 2007: David Fuchs - ein Mann mit "unverschämtem Gottvertrauen"



David Fuchs

In diesem Jahr feiern wir unser 150-jähriges Klosterjubiläum und damit verbunden auch 150 Jahre soziale Einrichtung.

In einem Musiktheater vom 4. - 6. Mai wird unser Gründer David Fuchs in den Blick genommen. Nähere Infos dazu

Er wurde am 2. April 1825 in Bihlafingen geboren und kam als Vikar am Sonntag, 17.Juni 1855 nach Heiligenbronn. Es wird berichtet, dass er als erstes Gottesdienst hielt. Am 16. März 1857 traten die ersten Kandidatinnen ein. Die Gründung von Kloster und "Kinderrettungsanstalt" war im selben Jahr. Sein Todestag ist der 5. Dez. 1885

Als Vorbereitung auf dieses Jubiläumsjahr haben die Schwestern sich besonnen, wer David Fuchs für sie ist, was ihnen an ihm wichtig ist. Nachstehend einige Aussagen:

gesammelt: Sr. M. Agnes Löber





März - April 2007: Kreuzikone - Tod und Auferstehung



Kreuzikone von Karl Abraham Selig, Feldkirch


Das Kreuz Jesu Christi wird uns in diesen Wochen vor Augen gestellt.

Im Kreuz - im Leiden und Sterben Jesu - ist uns Erlösung und Heil geschenkt. Seine Auferstehung schenkt uns neues Leben und neue Hoffnung. So wird das Kreuz zum Siegeszeichen.

Diese Wirklichkeit unseres Lebens - Tod und Auferstehung - ist in der neuen Kreuzikone im Haus Lebensquell dargestellt. Sie wurde von Karl Abraham Selig gemalt.

Sie steht im Meditationsraum dem Tabernakel und der Ikone der Lebensspendenden Quelle gegenüber.
Sie ist zweiseitig bemalt und zeigt einerseits die Kreuzigung Jesu und auf der anderen Seite seine Auferstehung. Wie der kreuzförmige Quellbrunnen auf der Ikone der lebensspendenden Quelle verweist es auf das Geheimnis, dass wir mit Christus sterben und mit ihm auferstehen werden. Daher steht das Kreuz über der Grabeshöhle mit dem Schädel Adams: Christus, der zweite Adam besiegt den Tod in seinem Sterben, welchen der erste Adam durch seine Sünde, seine Abkehr von Gott als dem Quell des Lebens in die Welt brachte. Aus diesem Grund jubelt die orthodoxe Kirche, welche uns die Ikonen schenkt: "Christus ist erstanden von den Toten. Im Tod hat er den Tod zertreten und den Entschlafenen das Leben in Gnaden gebracht". Der Auferstandene steht im orangegoldenen Gewand triumphierend über dem aufgebrochenen Grab. Er ist ganz Licht, ganz verklärt vom Glanz seiner Gottheit - und trägt dennoch die menschlichen Gesichtszüge, die wir von Jesus kennen. In der Auferstehung Christi ist die ganze Menschheit zur Auferstehung vom Tod befreit.
Das zweiseitige Kreuz steht in der Tür und öffnet so den zum Gebet verschlossenen Raum. Es kündet nach aussen, was im Innern, im Gebet erfahren werden kann: Die Erfahrung der heilenden und rettenden Gegenwart Christi.


Sr. M. Dorothea Thomalla und Karl Abraham Selig

zu Ikonen im Haus Lebensquell





Februar - März 2007 Im Gespräch mit dem Gekreuzigten



Das Kreuz von San Damiano

Oft fällt mein Blick auf die Christus–Ikone von San Damiano, das Berufungskreuz des Hl. Franziskus.

Als junger Mann betet Franziskus vor diesem Kreuz und der gekreuzigte Christus spricht zu ihm, redet ihn ganz persönlich an, wendet sich ihm zu – und Franziskus lässt sich anschauen, lässt sich hinein nehmen in das Kreuzesgeschehen, versteht den Auftrag, den Jesus ihm gibt.
Das Leben des Franziskus ist grundlegend geprägt durch die Begegnung mit dem Gekreuzigten.

Der gekreuzigte Christus sieht auch auf mich, ER will mich prägen, mich verwandeln. Als von IHM Angesehene kann ich IHM in jedem Augen-Blick begegnen.

Wenn ich auf SEINEN Blick antworte und auf IHN, den Gekreuzigten, schaue, darf ich sicher die gleiche Erfahrung machen, die Anthony de Mello in seinem Buch „Warum der Vogel singt“ so beschrieben hat:
... Eines Tages fasste ich Mut und blickte ihn an. – Da war kein Vorwurf. Da war keine Forderung. Die Augen sagten nur: „Ich liebe dich.“ Ich blickte lange in diese Augen, forschend blickte ich in sie hinein. Doch die einzige Botschaft lautete: „Ich liebe dich.“ ...

So will Christus vom Kreuz her mich immer mehr hinein führen in die Tiefe des göttlichen Geheimnisses – in SEINE Liebe. Ich darf mich – wie Franziskus – vom Kreuz her immer mehr prägen und verwandeln lassen.

Sr. M. Magdalena Dilger





Januar-Februar 2007 Grußwort zum Jubiläumsjahr



Unser Gründer: Vikar David Fuchs

150 Jahre lebendige Hoffnung – und Dank

Ein herzliches Willkommen allen, die mit Heiligenbronn, mit seiner Geschichte und Gegenwart auf irgendeine Weise verbunden sind, die unsere Jubiläums-Freude teilen.

Ein Jubiläum feiern heißt, sich zurückbesinnen auf die Wurzeln, auf die Quelle: Seit dem 14. Jahrhundert fließt sie an diesem Ort, und seither kommen Menschen zur Gnadenmutter, um Trost und Hilfe zu erfahren für ihren Alltag. In einem Jubiläumsjahr findet der Dank an Gott, der Lobpreis auf sein Wirken durch Menschen in den vergangenen Zeiten bis zur Gegenwart und auf Zukunft hin seinen besonderen Ausdruck.

Gehen Sie mit mir zurück an die Anfänge, die alles andere als romantisch waren: Vor 150 Jahren gründete am Wallfahrtsort zur Schmerzhaften Mutter Gottes am heiligen Bronnen der Priester David Fuchs sein Werk. Er baute ein Kloster, eine Kinderrettungsanstalt und ein neues Kirchengebäude. Von lebendiger Hoffnung erfüllt, die auch im Gnadenbild nach dem zutiefst erfahrenen Leid Marias zum Ausdruck kommt, lässt sich David Fuchs von einem unerschütterlichen Gottvertrauen leiten. Es wird berichtet: So geschah es einmal, dass die Maurer bis zum Abend allen Steinvorrat verarbeitet hatten, dessen ungeachtet hieß sie der unverzagte Bauherr andern Tages wieder kommen. In der dazwischen liegenden Nacht nun erwachte er an Peitschenknall und kräftigem Männergesang und siehe da – von der Höhe der Straße herab kamen Wagen an Wagen mit Steinen beladen und auf dem vordersten saß der H. H. Pfarrverweser Sporer von Hochmössingen, der abends zuvor die Bauern seiner Gemeinde zu dieser gemeinsamen Fahrt bewogen hatte.
( Pfarrer Erasimy, „Zur Geschichte des Wallfahrtsorts und Klosters Heiligenbronn“)
.

Weiter heißt es bei Karola Schaut („David Fuchs, der Gründer der Rettungs- und Erziehungsanstalt in Heiligenbronn“): Die ersten Jahre nach der Gründung waren sowohl für den Stifter als auch die Schwestern eine wahre Prüfungszeit. In selbstloser Armut wurde jeder Besitz für die Kinder verwendet. (…) Eine 78jährige Schwester, die in später folgenden Baujahren noch viel mitgetragen hat, erzählte mir schlicht: „Wir haben schwere Zeiten erlebt, oft meinten wir nicht mehr vorwärts zu kommen; aber sobald wir den seligen Beichtvater gesprochen, war alles leicht, war alle Sorge weggenommen.“ Die bestimmende Kraft des Beichtvaters lag eben in seinem persönlichen Opferleben. Arm wie die Schwestern war auch er. Jeden eigenen Pfennig verwendete er für die Anstalt. Oft musste er nach der Mittagszeit in der Klosterküche um einen Teller Suppe bitten.“

Wohnung und Bleibe schaffen für behinderte Menschen. David Fuchs war zeitlebens nicht auf seine eigene Karriere bedacht. Es ging ihm nicht darum, sich um eine Pfarrstelle zu bemühen, er blieb Vikar. Ihm lag das Wohl der ihm anvertrauten Menschen am Herzen. Sein Anliegen war einerseits, den Waisen, den hör- und sehbehinderten Kindern in Heiligenbronn eine Wohnung und Bleibe zu schaffen, andererseits wollte er sie religiös-sittlich und beruflich auf das spätere Leben vorbereiten. Dazu ließ er auch die Schwestern entsprechend ausbilden.

Sein Werk entwickelte sich weiter: Neben der Volksschule für Mädchen, der Gehörlosen- und Blindenschule für Jungen und Mädchen entstanden Werkstätten und Meisterbetriebe für berufliche Ausbildung und Arbeit, Internate für Jugendliche, Wohnheime für Erwachsene. Auch wurden Schwesternfilialen gegründet. Bis 1991 führten wir, die Franziskanerinnen von Heiligenbronn, diese Aufgaben weiter.

Durch den Rückgang der Mitgliederzahl wurde ein Umdenken notwendig. Um dem Stifterwillen zu entsprechen, dass Menschen mit Behinderungen hier an diesem Ort auch in Zukunft eine Wohnung und Bleibe haben, kam es zur Gründung der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn. Sie führt das Werk fort, ist offen für die Nöte der Zeit und hat sich deshalb in weiteren Bereichen entfaltet (Aufnahme von Menschen mit Mehrfachbehinderungen, Übernahme der Trägerschaft von Altenpflegeeinrichtungen in der Region).

Für unsere Schwesterngemeinschaft begann damit ein Prozess der Neu-orientierung. Einen besonderen Stellenwert erhielt das Leben in Gemeinschaft, das Stundengebet zum Lobpreis Gottes sowie das stellvertretende Gebet und Leiden für die Menschen. Intensiviert wurde die seit Jahrhunderten bestehende Wallfahrt sowie die Exerzitien- und Jugendarbeit. Heute gehören zum „Geistlichen Zentrum Heiligenbronn“ alle hier Lebenden: die Menschen mit Behinderungen, die Mitarbeiter der Stiftung St. Franziskus und die Schwestern. Wallfahrer, Kursteilnehmer, Jugendgruppen oder Einzelne, die durch ein paar stille Tage zu sich selber finden wollen, haben die Möglichkeit, die pastoralen Angebote zur Stärkung ihres Glaubens und der Glaubensweitergabe zu entdecken.

Das wichtigste nach 150 Jahren ist der Dank an den dreifaltigen Gott, der das Werk gesegnet und durch all die Jahre bis zum heutigen Tag geführt hat. Es gilt auch, den Dank an die Menschen auszusprechen, die an diesem Ort gewirkt haben und wirken durch ihr Sein, durch ihre Arbeit und durchs Gebet. Auch all jenen gilt der Dank, die sich ehrenamtlich eingesetzt haben und einsetzen, die materiell und finanziell die Menschen an diesem Ort unterstützt haben und unterstützen.

Von einer lebendigen Hoffnung erfüllt, glauben wir daran, dass der Heilige Bronnen auch in Zukunft fließt, weil Gott der Urquell ist, von dem alles Leben kommt, zu dem es zurückfließt ins Meer der Liebe.

Dem Vergangenen: Dank, dem Kommenden: Ja! (Dag Hammarskjöld) Und seien Sie herzlich willkommen bei uns im Jubiläumsjahr und darüber hinaus!

Generaloberin Sr. M. Judith Kaupp


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